Druckschrift 
Heinrich Bebels Schwänke. zum l. Male in vollst. Übertr. hrsg. von Albert Wesselski
Entstehung
Seite
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Euch ein merkwürdig Ding erzählen. Wie mich vor Zeiten mein Vaterausgeschickt hátt in fremde Land, die gemein Schulen zu besuchen, famich von ungefähr zu einer weit entlegenen Insel. Als ich dort unterdem Studieren einmal in ein Bad war gangen, grüßten mich dieInsulaner, so herumsaßen, und hießen mich willkommen. Wie ich sie aberfraget, von wannen sie mich Fremdling und Ausländer so wohl kenneten,antwortet einer unter ihnen: Von Euern Eltern her, die sowohl ummich, als um mein ganzes Volk ein groß Verdienst haben, kennen wirEuch, lieber Herr Johannes." Ich fordert von ihm, er sollt mir anzeigen,was Guttaten er hätte von meinen Eltern empfangen, und er erzähletmir alles nach der Ordnung. Im Lenze," saget er ,,, wann allhie aufdieser Insel ein große Kålte anhebt, werden wir in Störche verwandeltund fliegen in die Gegend Europa, wo es zu der Zeit warm beginntzu werden. So hab ich denn vor dreißig Jahren auf Euer ElternDach ein Nestlein von Reislein und Zweiglein gemachet und darinmein Weil vertrieben, bis daß die Winterkålt in unser Insel wieder hatnachgelassen. Ich hab auch allzeit vermerket, daß mein Ankunft EuernEltern ist lieb und angenehm gewesen, weil sie nie haben leiden wollen,daß unserm Nest ein Abbruch geschehe. Wann aber Euer Land dasWinterkleid anzieht, weichen wir und kehren zurück in unser Insel,legen die Gestalt der Vögel ab und verwandeln uns wieder in Menschen."Beredet der Pfaff mit dem Possen das einfältig Bauernvolk also, daßsie alle versprachen, fortan die Störche baß in Ehren zu halten.

118. Ein Schwank von der Einfalt einer Braut.

ått einmal ein Bauer sein Tochter eim andern Bauer verheiratet.Wie dieser nun in der ersten Nacht seiner Braut wollt den Gürtellösen, darum ja die Menschen ein Ehe eingehn, raffet er sich auf undwollte vom Bett aufstehn. Fraget ihn die Braut, wo er hin ginge.Antwortet er, er wollt ein Speidel holen, daß er ihn ihr könnte alseinen Keil in die heilig und unversehrt Kerben eintreiben, sie also destoleichter zu eröffnen. Da fiele sie ihm um den Hals und hielt ihn zurück,bekennet dabei ohn Absicht aus lauter Einfältigkeit ihr Schuld: Bleibhier, es ist kein Not eines Speidels; dann meines Vaters Knecht hatvor dreien Jahren auch keines Speidels dazu bedurft."( So Brassicanus.)

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