das Maidlein mußt hinwegführen; und der Handel hat den Argwohn,so schon vor viele Leut in ihrem Sinn gefaßt hätten, in wunderbaremMaß bestårket und bestätiget.
131. Von zweien Schuhmachern.
Ou Worms in der Stadt waren zwei Schuhmacher, der eine ein
karg; der ander aber mußte sich und seine Kinderlein, deren nichtwenig waren, mit täglicher Handarbeit ernähren, doch lebet er nachseinem Vermögen herrlich wohl und ließ ihm kein Mangel. Allwegaber, so er vom Tisch wieder zur Werkstatt ginge, rief er an denSchutz und die Hilf des heiligen Niklasen; und wann der Reiche dieseWort höret, rief er aus Neid oder darum, daß er den Armen ver:spottete:„ Mein Nothelfer soll David ſein", dann also hieß der reichestJud, so damals zu Worms gesessen. Wie nun der Jud auf ein Zeitvor seim Laden vorüberging und vernommen hått, wie ihn der Schusterhöher achtete denn den heiligen Niklas, den der Arme in Ehren hátt,gedacht er, wie er sich freigebiger erzeigen möcht, denn der heiligeNiklas wäre. Schenket derhalben dem Schuster, der ihn angerufenhått, zu Spott des andern ein gebratene Gans, der er zehn Güldenin den Bauch getan hätt; der Reiche zeiget sie dem Armen, rühmetden Juden vor Sankt Niklasen und verspottet ihn von der Anrufungdes Heiligen wegen. Mit lachendem Mund antwortet ihm der armeNachbar: Was prangst Du mit der Gans? St. Niklas wird mirnicht ein Gans, sondern ein feisten Ochsen bescheren; und dieweilDu das Geld höher achtest denn die Gans, will ich sie Dir abkaufen,so es Dir gefällig ist." Der Reiche war den Handel zufrieden undließ die Gans für ein gering Geld fahren. Der Arme sezet die Gans,als er St. Niklasen nach gewöhnlichem Brauch hátt angerufen, aufden Tisch und seinem Hausgesind vor; und als er darin hätt dieGülden funden, lief er damit eilends hinaus auf den Ochsenmarkt undkaufet ein guten, feisten Ochsen. Wie er ihn heimtriebe, begegnet ihmder Reiche, verwundert sich und Forschet, woher und von was Schenkung
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