Druckschrift 
1: Volkserotik und Pflanzenwelt : eine Darstellung alter wie moderner, erotischer und sexueller Gebräuche, Vergleiche, Benennungen, Sprichwörter, Redewendungen, Rätsel, Volkslieder, erotischen Zaubers und Aberglaubens, sexueller Heilkunde, die sich auf Pflanzen beziehen. 1.
Entstehung
Halle a. S. [ca. 1908]
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Gebete und Schwüre, die in ihrer Gegenwart gegebenwerden. Man verehrt sie, wie man Menschen verehrt.Man grüßt, küßt, umarmt sie, wirft sich vor ihnen nieder.Die Frauen flehen sie an, ihnen Fruchtbarkeit zu schenken,und Helden bitten sie um ihren Beistand, wie schon Aiakosdie Eiche auf Aegina küßt und anfleht. Und wie Leto denOelbaum oder die Palme auf Delos wechselweise umschlingtund bittet, sie von ihren Wehen zu befreien, so umschlingtauch die Gebärende den Hollunder( Dänemark) oder dieEberesche( Schweden) um Hilfe in ihren Kindesnöten. Manweiht ihnen kostbare Geschenke, wie Xerxes der könig-lichen Platane zwei Tagemärsche von Sardes einen goldenenSchmuck und einen ,, unsterblichen Wächter" weihte( Herod.VII. 31). Ja, man opfert ihnen, man bringt ihnen sogarMenschenopfer dar: dem männlichen Baumdämon Mädchen,wie dies auch aus dem dunklen griechischen Brauch,Mädchenpuppen an Stelle von hangenden Mädchen, an denBaum des Dionysos zu hängen hervorgeht. Man er-preßt sogar vom Baumdämon den Segen, wie der griechischeKaufherr, der auf Delos landend zum heiligen Ölbaum gingund in dessen Stamm biẞ.

Die Pflanzenseele lebt in der Pflanze als in ihremLeibe, den sie nicht verlassen kann. Aber diese Seelegleicht durchaus der Menschenseele. Sie fühlt, sie spricht

wie der Mensch. Fast alle Völker kennen redende Pflanzen,redende Bäume, wie die Griechen zu Dodona oder Delphioder die Germanen in ihren heiligen Hainen; in Süd-schweden glaubt das Volk heute noch, daß die Bäumesprechen können. Die Pflanzen rufen, schreien, wennsie verletzt oder gar ausgezogen oder abgehauen werden.Die Birke ruft: Hau mich nicht um, sonst läuft Wasservon mir!" Die Erle: Hau mich nicht um, sonst blute ich!"Auch jene heilige Lärche zu Nauders in Tirol blutete,wenn sie verletzt wurde. Der Aberglaube, daß Pflanzenbluten, wurde dadurch auch genährt, daß die Wundstellebei gewissen Bäumen( so bei der Erle) erst weiß, später