Dieter Kramer
Umrisse einer zeitgenössischen EuropäischenEthnologie als Kulturwissenschaft¹
1. Über die„, zentralen Bereiche“ des Faches Europäische EthnologieWas sind die zentralen Bereiche“ des Faches Europäische Ethnologie?Um diese Frage beantworten zu können, muß man sich über den Platzder Europäischen Ethnologie im Gefüge der Wissenschaften Gedankenmachen. Daraus könnte sich innerhalb der Geisteswissenschaften alsUnterscheidung zu den historischen Wissenschaften, zu der sie schonvon der Bezeichnung her nicht gehört( hieße sie doch sonst HistorischeEthnologie oder ähnlich) das Kulturelle als Spezifikum herausschälen- alszentrale Komponente des Bedeutungsfeldes von Ethnologie, sobald mandiese nicht biologistisch verstehen will.
Damit ist freilich bereits eine Position bezogen: Kulturwissenschaft ist kei-ne ,, historische Wissenschaft. Sie beachtet zwar wegen der Wandlungendes Kulturellen in Raum und Zeit in der Regel die Geschichtlichkeit ihrerGegenstandsbereiche( und das ist wichtig), aber im Zentrum steht dienoch zu definierende- Kulturspezifik( in Vergangenheit und Gegenwart)mit einer geographischen Begrenzung auf Europa( die in der Praxis von derdeutschen Ethnologia Europaea wegen einer weitgehenden Beschränkungauf den deutschsprachigen Raum nur unzureichend ausgefüllt wird). Wirwollen diese Kulturspezifik zunächst verstehen als das Besondere undUnterscheidende einer konkreten Vergesellschaftung von Menschen.
1 Anmerkung 1999: Dieser 1994 entstandene Aufsatz wurde 1999 für den Druck nur unwe-sentlich überarbeitet. Inzwischen habe ich einige weiterführende Gedanken zur EuropäischenEthnologie als Kulturwissenschaft und zum Verhältnis von Völkerkunde und Volkskundezusammengefaßt in Vf.: Von der Notwendigkeit der Kulturwissenschaft. Marburg 1997.Im Schweizer Archiv für Volkskunde erschien 1999 von mir ein Aufsatz: Beschreibendoder wertend? Kulturbegriffe in Ethnologie und Philosophie( SAVK 95/1999, 1-22), derden Weg von der materialistischen Kulturtheorie über Kultur als Symbolsystem und kon-struktivistische Ansätze nachzeichnet und statt dekonstruktivistischer oder relativistischerIndifferenz die qualitativen und normativen Aspekte des Redens von Kultur im Kontexteines handlungstheoretischen Ansatzes hervorhebt.=>
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