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Volkskunde in Österreich : Bausteine zu Geschichte, Methoden und Themenfeldern einer Ethnologia Austriaca
Entstehung
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Johann Verhovsek

Kulturentwicklung zu erheben. Geramb folgte damit der aus dem philoso-phischen Idealismus kommenden Auffassung, daß die Idee das Sein, alsoauch die wirtschaftlichen und sozialen Zustände bestimmt.

Die Vermittlerrolle zwischen sachlicher Grundlagenforschung und speku-lativer Volksseelenbestimmung, die Geramb einnahm, sollte der Rettungund wissenschaftlichen Rehabilitierung der deutschen Romantik dienen( Geramb 1937, 27f.) und ein auf seelischer Nähe und Liebe anstelleintellektueller Distanz und Rationalität aufgebautes Verhältnis zum For-schungsgegenstand schaffen( Geramb 1953, 32f.). Besonders letzteresAnsinnen ließ für vage, hypothetische Äußerungen viel Raum. Das völ-kische", die Besonderheiten", die Manifestationen des Volksgeistes",wären demnach irgendwo zwischen" den Polen von urmenschlicherPrimitivität Glossar ::: zum Glossareintrag Primitivität einerseits und höchst entfalteter Persönlichkeitsstrukturandererseits zu finden( Geramb 1927/28, 168). Dieser völkische Zwi-schenbereich fällt nach Geramb am ehesten mit dem bürgerlichenKulturbereich zusammen, der von unten, von der Mutterschicht" herseine ,, Wachstumsquelle empfange( Geramb 1927/28, 169). Mit diesenintuitiven Erfassungsversuchen war es zwar nicht möglich, die Volkskun-de auf eine empirisch gesicherte Erkenntnisgrundlage zu stellen, aber inden organologischen Vergleichen erfüllte er sich und seinen zahlreichenZuhörern und Nachahmern ein Traumbild, eine Wunschvorstellung vonVolk", die in einer bewegten, unsicheren Epoche der österreichischenGeschichte den Sehnsüchten und Hoffnungen nach einem nahtlosen An-schluß an die vermeintlich harmonische und ruhige Vergangenheit vollentsprachen. Die Volkskunde in Österreich errang mit diesem, sozialenMythos"( Estel 1994, 76), der die Verheißung einer schöneren, neuen Weltnach der Katastrophe des ersten Weltkrieges beinhaltete, in der Zwischen-kriegszeit eine selbst von ihren Vertretern kaum erwartete Popularität,vor allem auch im Kreis der studentischen Jugend( vgl. Kretzenbacher1983, 86f.). Doch das Fach entfernte sich gleichzeitig immer mehr vonder Realität der gesellschaftlichen Entwicklung, die über die organisch-konservativen Heile- Welt- Utopien hinwegging( Bausinger 1971, 61). Dieerhoffte Richtungsänderung der sozialen Bewegungen hin zum Urbildgesunden Bauerntums und einträchtiger Dorfwelt blieb aus.

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