Johann Verhovsek
schungsrichtungen, aber in Theorie und Methode dem Großen und Ganzenethnologischer, historischer und philologischer Fächer nachgeordnet.
Es wäre daher falsch, von der Volkskunde zu sprechen. Es liegt mir auchfern, im nachhinein jeden, der sich mit geistigen oder materiellen Güternunterer Bevölkerungsschichten befaßte, in den Kreis der„ Volkskund-ler” einzuordnen. Ebenso inkorrekt wäre es, eine scheinbar zielstrebigeEntwicklung eines Faches„ Volkskunde" zu konstruieren. Es gab um dieJahrhundertwende eine wachsende Zahl von Wissenschaftern, die davonsprachen, auch Volksforschung zu betreiben. Eine Übereinkunft über denRahmen an Theorien, Methoden und Begriffen der Volkskunde fehlte al-lerdings und so prägten stark individualistische Anschauungen das Profilder vorhandenen„ Volkskunden“( Schmidt 1951, 154). Bezüglich desWesens, der Aufgaben und Ziele einer als Wissenschaft zu etablierendenVolkskunde gab es daher auch grundsätzliche Auffassungsunterschiede.Öffentlich ausdiskutiert wurden diese allerdings nur selten.
Zur selben Zeit im Ausgang des 19. Jahrhunderts erlebte das„ Kulturthe-ma" einen deutlichen Aufschwung und löste die Konjunktur der„ sozialenFrage" ab, obwohl diese in keiner Weise zufriedenstellend geklärt war( Bruch u. a. 1989, 11). Dieser Wandel vollzog sich vor dem Hintergrunddes„ zeittypischen Musters kultureller Desorientierung", die als Krisedes Fin de siècle mit den Stichworten„ Wertverlust, Traditionszerfall,Orientierungslosigkeit, Sinnvakuum” charakterisiert wird( Bachmaier1990, VII).
Der allmähliche Niedergang des Vielvölkerstaates der Habsburger Mon-archie und die einschneidenden und mit großer Dynamik ablaufendenVeränderungen der Lebensverhältnisse aller Bevölkerungsgruppen infolgetechnischer und industrieller Entwicklung bildeten die Grundbedingungeneines allgemein verbreiteten Bruchs mit bewährten Mustern der Lebenso-rientierung. Die kulturelle Frage war Diskussionsgegenstand vor allem derbürgerlichen Schichten, die nach„ kultureller Vergesellschaftung" und indiesem Sinn um verbindliche Deutungsmuster, Werte und Verhaltensregelnrangen( vgl. Bruch u. a. 1989, 14f.).
Auf dieser Suche nach möglichen Ordnungsentwürfen für die Gesellschaftim 20. Jahrhundert kamen unterschiedliche, oft extrem entgegengesetzteKonzepte ins Gespräch. Die geistige Strömung der„ Moderne" fühltesich der Gegenwart, dem„ Jetzt” verpflichtet und lehnte Vergangenes alsprimäre Norm ab( Csáky 1990, 30). Vertreter dieser Richtung progressiv-liberalen Denkens erlebten die Gegenwart als den Anfang der Zukunft( Mannheim 1974, 39) und waren von einer rationalen Durchdringung
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