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Polnische Volksmärchen
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Der nackte Knabe¹).

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Eine Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrau gebar einen Knaben. Sie trug ihn in den Wald undlegte ihn neben eine Bärenhöhle hin. Die Bärenmutter kam heraus, nahmden Knaben, zog ihn in die Höhle und ließ ihn an ihrer Brust trinken.So wuchs das Kind auf. Einmal, als der Knabe schon ziemlich groß war,ging er in die Welt hinaus. Da sah er eine Eiche, packte sie und riẞ dieRinde von ihr herunter. ,, O, noch bin ich schwach", sagte er und gingin die Höhle zurück. Nach längerer Zeit verließ er wiederum die Bären-höhle, packte die Eiche und riß sie aus. ,, O! schon bin ich ziemlich stark,jetzt muß ich in die Welt hinaus!"- Und der Knabe geht, geht und be-gegnet dem Prinzen Karl, der hinter das Meer zu einer verzaubertenKönigstochter fuhr, die er heiraten sollte. Der nackte Knabe trat ihmin den Weg und wollte nicht ausweichen. Der Kutscher mußte die Pferdeanhalten. Und der Knabe spricht: ,, Prinz Karl! Du wirst dort nichtserreichen, wo du hinfährst, du wirst dich mit der Königstochter nichtverheiraten, wenn du mich nicht mitnimmst." Prinz Karl verwundertesich sehr darüber, daß der Knabe weiß, wohin er fährt und nahm ihnauf den Wagen. Auf der Fahrt fordert ihn der Knabe auf, er solle sichdrei silberne Kugeln gießen und sie weihen lassen. Prinz Karl tat es;dann fuhren sie weiter. Sie gelangen in einen Wald. Hier hauen sichzwei Teufel. ,, O, warum haut ihr euch denn?" fragt sie der nackte Knabe.,, Wir hauen uns um eine Decke, die uns der Vater geschenkt hat. Wennman diese Decke aufs Meer legt, so kann man über dasselbe wie übereinen trockenen Weg fahren." ,, Nun, ich will euch versöhnen; wer mirdie Kugel bringt, die ich abschieße, dem soll die Decke gehören²)." Under schoß eine der geweihten Kugeln ab. Die Teufel liefen ihr nach, fandensie, aber keiner konnte die Kugel in die Hand nehmen, denn sie war ge-weiht. Sie machten sich davon und der Knabe nahm sich die Decke. Etwas"weiter trafen sie wieder zwei Teufel. Diese kämpften miteinander umein Schwert, mit dem man jeden Baum auf einem Hieb durchschneidenkonnte, selbst wenn er von Diamanten gewesen wäre. Der Knabe ver-söhnte sie auf dieselbe Weise und nahm sich das Schwert. Hierauf be-gegnen sie noch einmal zwei Teufeln, die sich wegen eines Hutes hauen.Wenn sich jemand den Hut auf den Kopf setzte, konnte er bis zur Kassedes Kaisers gelangen und sich Geld nehmen, ohne daß er gesehen wurde.Der nackte Knabe hatte noch eine Kugel; er schoß sie ab. Die Teufelkonnten sie nicht berühren und er nahm sich den Hut. Schließlich ge-

1) Das Märchen stammt aus Dukli und Iwonicz, zwei Dörfern im Kreise Krosno,und ist erzählt von Schnaider im ,, Lud", Bd. VII, S. 143 1.

2) Vgl. auch das Märchen ,, Von einer Königstochter, die in der Macht von Teufelnstand", wo sich zwei Bauern um eine Feder streiten, die sich später als zauberkräftigerweist. Oft sind es auch Tiere, die sich um irgend etwas streiten, wie die zwei Elsternin unserem Märchen ,, Die böse und die gute Stunde". In einem anderen Märchen ausObornik in Posen streiten sich ein Hund, ein Löwe, ein Habicht und eine Ameise umeinen Hasen. Ein vorbeiziehender Jäger schlichtet den Streit. Vgl. Kolberg: Serya XIV,S. 14.