Einleitung.
Verläßt man die Eisenbahn in Zernez( Engadin) und schlägt dieschöne Straße zu dem Ofenpaß ein, so befindet man sich bald mittenin der wilden abwechslungsreichen Landschaft des schweizerischenNationalparks. Nach stunden langem Wandern in unübersehbar weitem,fast menschenleerem Waldgebiet erreicht man endlich die Paẞhöhe,von der man in ein freundliches, anmutiges Tal blickt, dessen weiß-schimmernde Häusergruppen von Wiesen und Wäldern umgeben sind.Es ist das bündnerische Münstertal, das eine tiefe Querfurche zwischendem Inn- und dem Etschtal bildet und von Westen nach Nordostenverläuft. Dieses Tal wird wie das Engadin von Rätoromanen bewohnt,die ihren Dialekt bis heute beibehalten haben, wenn auch die meistenvon ihnen mit der deutschen Sprache schon ziemlich vertraut sind.
Gegen Engadin und Veltlin durch hohe Pässe abgeschlossen,öffnet sich das Münstertal freundlich gegen den Ober- Vintschgau,zu dessen Gebiet es geographisch gehört und mit dem es vor demKriege auch wirtschaftlich verbunden war. Durch diese von der Naturbedingten Verhältnisse hat das Münstertal den bedeutendsten Kultur-einfluß vom Vintschgau aus erfahren.
Auch der bereits im frühen Mittelalter gepflogene Verkehr mitdem Engadin über den Ofen-( 2155 m) und den Scarlpaß( 2251 m) einer-seits und mit dem Veltlin über das Wormser Joch( 2505 m) anderer-seits brachte weitere wichtige kulturelle Beziehungen mit sich.( Fig. 4.)
Der kulturgeschichtliche Werdegang des Münster-tales wird in seinen Grundzügen durch den jahrhundertelangen Kampfzwischen den Bischöfen von Chur und den Grafen von Tirol, fernerdurch die Einwanderung zahlreicher Geschlechter aus dem Vintsch-gau, aus dem Engadin und dem Veltlin bestimmt. Dazu kommt noch,als drittes wichtiges Moment, die Emigration der Münstertaler nachFrankreich und Italien und die Verpflanzung der diesen Länderneigenen Kulturformen auf heimatlichen Boden bei der Reemigration.Alle diese Faktoren haben schon früh die Einheitlichkeit der Be-völkerung zerstört und' die einheimische Kultur mit fremden Elementendurchsetzt.
Da die sprachlichen Eigentümlichkeiten¹) und die geschichtlicheEntwicklung2) des Münstertales schon einer ausführlichen wissenschaft-
1) Docurtins: Rätoromanische Chrestomatie.
2) P. Foffa: Das bündnerische Münstertal, eine historische Skizze. Chur 1864.P. Albuin: Vergißmeinnicht aus dem bündnerischen Münstertal. 1919. Zemp: Das KlosterSt. Johann.