Vom Lärm.
Ich glaube, es war Liebig, der die Culturhöhe einesVolkes aus seinem Verbrauche von Seife erkennen wollte.In der That, Reinlichkeit ist Cultur, Reinlichkeit istTugend und aller Tugenden Mutter. Ich kenne aber nocheinen anderen, ebenso untrüglichen Maßstab der von einerGesellschaft erreichten Cultur. Es ist der Lärm, den sieverträgt. Je mehr Lärm vertragen wird, desto größer dieBarbarei Glossar ::: zum Glossareintrag Barbarei. Eine innerlich verfeinerte Welt ist der ge-schworene Feind jener anderen Unreinlichkeit, jeneslauten Gestankes, der Lärm heißt. Jede feinere Cultur hältsich seufzend Ohren und Nase zu in dem Toben derGeräusche dieser Welt.
Die Sybariten duldeten keine lärmenden Gewerbe inihrer Stadt: sie schützten mit vornehmer Empfindungdie Atmosphäre des Geistes vor lästigen Geräuschen.Die lärmgewohnte Menschheit hat dafür eine kleine bos-hafte Rache an ihnen genommen: man schalt sieSybariten. Was sind aber alle Geräusche Griechenlandsgegen die entsetzliche, nie endende Kakophonie des Groß-stadtlärmes, welcher der moderne Culturmensch hilflos,schutzlos preisgegeben ist? Wir prahlen von wachsenderCultur, von fortschreitender Verfeinerung des Menschen,
Haberlandt, Cultur im Alltage.
12