977 Digitalisate in Alben Dias 1.001 bis 2.000

Inszenierte Heimat: Glasdias zwischen Volksbildung, „Heimatpflege“ und Ideologie


Wie volkskundliches Wissen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über Bilder geordnet, vermittelt und öffentlich inszeniert wurde, zeigt sich an einem Bestand von Glasdias, der zwischen 1927 und 1937 im Volkskundemuseum Wien inventarisiert wurde. Die Dias dienten als Projektionsbilder für Vorträge und in der Lehre, verweisen aber zugleich auf die (kultur-)politischen Kontexte ihrer Herstellung und Nutzung. Mehr als die Hälfte der Serie gelangte 1936 als Schenkung aus den Beständen des Vereins Deutsche Heimat an das Museum. Die Motive konzentrieren sich auf Tracht, Brauch, Religion, Flur- und Kleindenkmäler sowie Arbeit.

Trompeterlherstellung in Stube, Neukirchen, Oberösterreich, vor 1936, dia/1664Volkskundemuseum Wien, CC PDM 1.0
 



Materialität und Gebrauch: Glasdias als Projektions- und Lehrmedien

Der historische Bestand an Glasdias mit den Inventarnummern dia/1001–2000 wurde zwischen 1927 und 1937 in den Inventarbüchern der heutigen Fotosammlung verzeichnet. Insgesamt zählt das Konvolut 1.022 Objekte (mit Subnummern), von denen 40 physisch nicht mehr vorhanden sind. Wie schon bei der vorangegangenen Serie dia/1–1000 (vgl. Album Licht aus, Spot an: 1.000 Glasdias und die ersten Lichtbildvorträge des Volkskundemuseum Wien) handelt es sich um Glasdias in den Formaten 8,5 × 8,5 cm und 8,5 × 10 cm, die für Projektionen in Vorträgen und Lehrzusammenhängen bestimmt waren. Der Bestand knüpft damit an jene frühe Praxis der Skioptikon- oder Lichtbildvorträge an, die am Museum bereits um 1900 nachweisbar ist und im Fall der ersten 1.000 Dias besonders mit volkskundlichen Bildvorträgen verbunden war. Material und Herstellung verweisen auf diesen heute weitgehend verschwundenen Bildgebrauch. Ein Glasdiapositiv ist zur Betrachtung im Durchlicht bestimmt und besteht aus einem transparenten Positiv, das zwischen zwei Glasplatten liegt. Papierklebestreifen fixieren die Platten und fassen sie am Rand ein; auf dieser Einfassung finden sich häufig Inventarnummer, Titel, Ortsangabe sowie Hinweise auf Fotograf:innen und herausgebende Institutionen. Rund 9 % wurden als Reproduktionen nach Gemälden und Publikationen hergestellt. Die Dias sind damit nicht nur Bildträger, sondern Gebrauchsmittel einer historischen Vortrags- und Unterrichtspraxis. Zugleich geben sie Aufschluss über jene Themen und Motive, die in der Volksbildung Verwendung fanden und welche gesellschaftlichen, politischen und ideologischen Deutungen sich darin spiegeln.


Motive, Regionen und thematische Schwerpunkte

Die Serie dia/1001–2000 zeigt vor allem Menschen in festlichen, religiösen, arbeitsbezogenen oder regional markierten Zusammenhängen. Die Motivauswahl folgt dabei einer volkskundlichen Ordnung, in der Tracht, Brauch, Frömmigkeit und Arbeit als besonders aussagekräftige Bereiche des „Volkslebens“ galten.

Bei 32 % der Diapositive stehen Personendarstellungen im Vordergrund, insbesondere Gruppen- und Porträtaufnahmen sowie Motive von Tracht und gesellschaftlicher beziehungsweise regionaler Zugehörigkeit, wie etwa Musikant:innen oder Personen eines Trachtenfestzuges (dia/1339, dia/1852). Ähnlich stark vertreten ist mit 31 % der Themenschwerpunkt Bräuche, Feste, Religion und Frömmigkeit (dia/1150, dia/1152, dia/1308/001). Es folgt mit 16 % die Kategorie Arbeit, Handwerk und Landwirtschaft mit überwiegend Tätigkeitsdarstellungen (z. B. Feldarbeit, Werkstatt- und Handwerksprozesse) (dia/1192, dia/1324, dia/1658). 10 % der Diapositive entfallen auf Architektur sowie auf Klein- und Sakraldenkmäler, darunter Bauernhäuser, Höfe, Kirchen, Wegkreuze und Bildstöcke (dia/1108, dia/1502, dia/1572). Vergleichsweise selten sind hingegen Einzelaufnahmen nichtreligiöser Geräte und Objekte, Motive aus dem Bereich Mobilität und Verkehr sowie Ortsansichten, die jeweils nur einen kleinen Anteil ausmachen. Der Diapositivbestand orientiert sich an historisch-geografischen und kulturpolitischen Ordnungen. In der Serie „Deutsche Heimat“ (dia/13901990) dominiert mit 34 % das heutige Österreich, insbesondere Nieder- und Oberösterreich (dia/13901536, dia/18051862). Es folgt die damalige Tschechoslowakei bzw. das heutige Tschechien mit 26 % (dia/18631947). Tirol erscheint im Inventarbuch ausdrücklich als eigener Block einschließlich Südtirol (15 %,) (dia/17121804). Daneben finden sich kleinere Gruppen zu Schweden und Holland. Auf Ortsebene konzentriert sich das Konvolut besonders auf Znaim (7 %) (dia/15371607), Bozen (6 %) (dia/17171750) und Gößl (2 %) (dia/10011040).


Provenienz und Akteure

Eine besondere Rolle nehmen die Objekte des Vereins Deutsche Heimat ein. Laut Inventarbuch kamen 1936 insgesamt 607 Diapositive als Schenkung aus den Vereinsbeständen an das Volkskundemuseum Wien. Dies entspricht rund 60 % der Diapositive mit den Inventarnummern dia/1001–2000. Inhaltlich umfasst das Konvolut dia/1390–1990 Aufnahmen von Häusern, Bildstöcken, Landschaften, Personen in Tracht sowie Fotografien von Bräuchen. Das Aufnahmedatum lässt sich auf Grundlage des Inventarbuchs nicht näher eingrenzen; gesichert ist lediglich, dass die Aufnahmen vor 1936 entstanden sein müssen. Auch gibt das Inventarbuch keinen Aufschluss darüber, von wem die Aufnahmen des Vereins Deutsche Heimat erstellt wurden.

Für rund ein Viertel des Bestands dia/1001–2000 lassen sich in den Inventarbüchern der Fotosammlung oder auf den Dias selbst nähere Hinweise auf die Bildproduktion finden. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Aufnahmen von Mitarbeitenden des Museums und ihm nahestehende Personen. Als Fotografen der zugrundeliegenden Aufnahmen (Negative und Positive) werden Konrad Mautner (1880–1924), Robert Mucnjak (1901–1980), Heinrich Jungwirth (1888–1962), Arthur Haberlandt (1889–1964), Josef König (Lebensdaten unbekannt) und Fritz Fahringer (1903–1970) genannt. Die hier beschriebenen Diapositive dokumentieren ein Netzwerk aus Museum, staatlicher Volksbildung und externen Bildproduzenten, das für die Verbreitung volkskundlicher Inhalte in der Zwischenkriegszeit zentral war.

Bei 28 Diapositiven ist die Österreichische Lichtbildstelle Wien als Herstellerin oder Herausgeberin angegeben. Die Lichtbildstelle Wien war Teil des 1919 gegründeten staatlichen Volksbildungsamtes (VBA) im Staatsamt für Inneres und Unterricht; sie vervielfältigte Negative und stellte Diapositive zu Lehrzwecken her (Neues Wiener Abendblatt 8. Juli 1919) (vgl. Album Licht aus, Spot an: 1.000 Glasdias und die ersten Lichtbildvorträge des Volkskundemuseum Wien). Im Oktober 1923 wurde das Volksbildungsamt als selbstständiges Amt aufgelassen und unter der Bezeichnung Volksbildungsstelle in das Bundesministerium für Unterricht (BMU) überführt. Ihre Arbeit erstreckte sich neben anderem auf die „[…] geistige, organisatorische, finanzielle und fachliche Förderung des Volksbildungswesens […]“ (Dostal 2013: 137). Im Rahmen dieser Einrichtung und der damit einhergehenden Pflege volkskultureller Phänomene (Volksmusik, Volkstanz, Volksspiel sowie Brauch) wurden Informationskurse zu Lichtbild und Film ebenso angeboten wie Filmbegutachtungen. Hierfür wurden 1920 der Lichtbilderdienst, 1929 der Filmdienst und 1930 die Filmbegutachtungsstelle als ministerielle Einrichtungen in Wien etabliert (Dostal 2013: 138). Im Jahr 1933 umfasste das Zentraldepot des Österreichischen Lichtbild- und Filmdienstes u. a. bereits mehr als 200.000 Diapositive (ÖStA/AVA/Volksbildung 1933). Bis März 1934 führte die Volksbildungsstelle ihre Tätigkeit fort, ehe im Zuge des Austrofaschismus ein eigenes Volksbildungsreferat für Wien eingerichtet wurde, das nun direkt dem Wiener Bürgermeister unterstand (Dostal 2013: 138).


Der Verein Deutsche Heimat

Aufgrund der umfangreichen Schenkung von 607 Diapositiven aus den Beständen des Vereins Deutsche Heimat an das Volkskundemuseum Wien ist an dieser Stelle auch der Verein selbst näher zu betrachten. Der Verein ging aus der im Oktober 1905 gegründeten Gesellschaft zur Förderung historischer und kulturhistorischer Ziele in Deutsch-Österreich hervor und trat bald mit dem Namenszusatz „Deutsche Heimat“ auf. Unter dem Obmann Eduard Stepan verstand er sich als Träger einer historisch, kulturhistorisch und volkskundlich ausgerichteten „Heimat“-Pflege. Als programmatisches Ziel wird „[…] die Pflege des Volkstums und die kulturgeschichtliche Erforschung der Deutschen Österreichs […]“ (Haberlandt 1906: 88) genannt. Wie bereits im September 1905 im Neuen Wiener Tagblatt zu lesen ist, sollte „[…] auf deutscher Grundlage durch Wort und Schrift und durch die lebendige Darstellung […] [der] Sinn für die Vergangenheit der Deutschen in Österreich […]“ (Neues Wiener Tagblatt, 28. September 1905) gestärkt werden.

Die Satzungen von 1906 nennen als zentrale Aufgaben die Unterstützung historisch geprägter Veranstaltungen, die Herausgabe von Druckwerken und Zeitschriften, die Abhaltung von Vorträgen sowie die Veranstaltung volkstümlicher Feste (Deutsche Heimat 15. Mai 1906). Damit wird deutlich, dass der Verein nicht nur denkmalpflegerisch, sondern auch publizistisch, pädagogisch und öffentlichkeitswirksam tätig war. Ab Ende des Jahres 1905 erschien mit den „Mitteilungen des Vereins Deutsche Heimat“ ein eigenes Vereinsorgan, das Aufsätze zur Heimatkunde ebenso enthielt wie Berichte über Vorträge und Veranstaltungen, volksliterarische Texte wie Sagen und Erzählungen sowie Volksspiele. Darüber hinaus verfolgte der Verein das Ziel, in Wien ein „Deutschösterreichisches Nationalmuseum“ zu errichten, das die „[…] Volkskultur der Vergangenheit wie der Gegenwart[…]“ (o.A. 1908: 167) in ihrer Gesamtheit abbilden sollte und der „[…] Verschleppung der vaterländischen Kunst- und historischen Denkmäler ins Ausland entgegenzuarbeiten[…]“ (o.A. 1908: 167). Unterzeichnet wurde dieser im Juni 1908 veröffentlichte Aufruf von rund 300 Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. (o.A. 1908: 167–172).

Vor diesem Hintergrund verweist die Schenkung der Diapositive auf jene kulturellen, kulturpolitischen und ideologischen Ordnungsvorstellungen, in denen „Heimat“, „Volk“ und regionale Kultur im frühen 20. Jahrhundert gesammelt, visualisiert und vermittelt wurden. Dass die volkskundlichen Bildbestände des Vereins 1936 an das Museum gelangten und noch im selben Frühjahr in der Ausstellung „Volkstum im Bilde (30 Jahre ‚Deutsche Heimat‘)“ gezeigt wurden (siehe Haberlandt 1937: 26), macht deutlich, dass die Diapositive nicht nur gesammelt, sondern auch gedeutet, geformt und öffentlich dargeboten wurden.


Was sagt der Bestand aus?

Der Bestand macht deutlich, dass volkskundliche Wissensproduktion und Bildpolitik der Zeit eng miteinander verflochten waren. Sie wurde nicht nur durch Sammeln und Beschreiben, sondern wesentlich auch durch Auswahl, Reproduktion, Ordnung und Vorführung von Bildern geprägt. Die Diapositive zeigen nicht einfach vorgefundene kulturelle Wirklichkeit, sondern jene Motive, Räume und Praktiken, die in Museum, Volksbildung und Vereinswesen als typisch, lehrreich, vorzeigbar und bewahrenswert galten. Besonders in der Häufung von Tracht, Brauch, Religion, Arbeit und regional codierten Räumen wird sichtbar, wie stark visuelle Medien an der Formierung eines bestimmten Verständnisses von „Volk“, „Heimat“ und kultureller Ordnung beteiligt waren. Gerade darin liegt der Quellenwert des Bestands: Er überliefert nicht nur Motive, sondern auch die Bedingungen ihrer Auswahl, Deutung und Zirkulation.



Ulrike Oberhaidinger

Verwaltungspraktikantin Fotosammlung

30. Juni 2026



Literatur:

Deutsche Heimat. Satzungen des Vereins zur Hebung historischer und kultur-historischer Ziele in Deutsch-Österreich „Deutsche Heimat“, Nr. 9/10, Wien 15. Mai 1906.

Dostal, Thomas: „Die Krisis ist die Chance der Erwachsenenbildung…“. Die Wiener Volksbildung in der Weltwirtschaftskrise 1929, In: Spurensuche. Zeitschrift für Geschichte der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung, NF 22. Jg., 2013, Heft 1–4, S. 136–169.

Haberlandt, Michael: Ethnographische Chronik aus Österreich. Verein „Deutsche Heimat“, In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde in Wien, XII. Jg., Wien 1906, S. 88.

Haberlandt, Michael: Jahresbericht des Vereines und Museums für Volkskunde für das Jahr 1936, In: Wiener Zeitschrift für Volkskunde, XLII. Jg., Wien 1937, S. 26–32.

Neues Wiener Abendblatt, 8. Juli 1919, S. 2. (abgerufen am 30.06.2026)

Neues Wiener Tagblatt, 28. September 1905, S. 11. (abgerufen am 30.06.2026)

o.A., Aufruf, In: Deutsche Heimat. Blatt für deutsche Volkskunde und Kulturgeschichte in Österreich, Nr. 17/18, 3. Jg., Wien 1. Juni 1908, S. 167–172.

Österreichisches Staatsarchiv (ÖStA)/Allgemeines Verwaltungsarchiv (AVA)/Unterricht allgemein (1848–1940), Volksbildung 1933, Sign. 2D2, Ktn. 438, GZl. 24264-II/10b, Türkische Gesandtschaft, „Auskunft über das österreichische Volksbildungswesen“, Bericht des Ministerialrats Witt, 1. September 1933.