Bierkrugdeckel als kulturelles Phänomen
Die Verbreitung von Bierkrugdeckeln aus Porzellan fällt mit dem Aufstieg des Bierkonsums und der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts zusammen. Bier wurde in Gasthäusern und Vereinslokalen konsumiert und spielte bei Studentenverbindungen, Stammtischen und Kartenrunden eine integrative Rolle. Mit technischen Innovationen wie Lagerkellern, Kühlmaschinen, Bierfiltern und der Nutzung untergäriger Hefe wurde die Qualität des Bieres verbessert und das ehemals trübe Bier wurde klar. Während Bierkrüge aus Steinzeug allmählich durch Glaskrüge ersetzt wurden, wandelten sich die Deckel zu persönlichen Erkennungsmerkmalen. Die Masse der Medaillons, meist 6 bis 7 cm groß, wurde industriell gefertigt: Nach dem ersten Brand erhielten sie eine Glasur, bevor Motive per Umdruckverfahren aufgebracht und von Porzellanmalern koloriert wurden. Die Darstellungen – von alpinen Landschaften im romantischen Abendrot bis zu karikaturesken Figuren – dienten der Unterhaltung und Identifikation. Sie zeigen eine idealisierte Natur, die als Gegenentwurf zur modernen Stadtwelt fungierte, aber auch Szenen, die Klischees und Diskriminierungen der Zeit reproduzierten.
Motive und Symbolik
Die Themenvielfalt der Medaillons ist beeindruckend: Neben Berg und Wald als Sehnsuchtsorte finden sich Landschaften, Städte, Gasthausszenen, Jagdszenen, Tierdarstellungen, Porträts, Zunft- und Berufszeichen, neutrale Blumenmotive sowie erotische oder humorvolle Szenen, die manchmal auch beide Seiten des Deckels nutzten: außen verhüllt, innen freizügig. Frauen wurden dabei – unter dem Deckmantel der Erotik – sexualisiert dargestellt und auf Äußerlichkeiten reduziert, Männer als Jäger, Fischer oder Studenten porträtiert und gelegentlich humoristisch karikiert. Der legendäre König Gambrinus, oft fälschlich als „Erfinder“ des Bieres bezeichnet, war ein häufiges Motiv. Viele Motive spiegeln den Stolz auf den Beruf (Bauern, Handwerker) oder persiflieren gesellschaftliche Gruppen (Städter als tollpatschige Jäger). Vor allem Darstellungen von Mädchen und Frauen unter dem Aspekt der Sexualität (weibliche Personen als Lustobjekte) und politische Anspielungen sind heute nur noch schwer nachvollziehbar. Die Motive waren für die Sichtbarkeit bestimmt – sowohl beim Gebrauch des Kruges als auch bei der Ablage auf dem Krugbrett in der Gaststätte.
Herstellung und Individualisierung
Die Produktion der Medaillons war ein mehrstufiger Prozess: Nach dem Formen und Glasieren folgte der Dekor, der entweder handgemalt oder aufgedruckt wurde. Druckvorlagen aus Lithografien, Kupferstichen oder Radierungen wurden im Umdruckverfahren auf den Deckel übertragen und koloriert. Porzellanmaler arbeiteten in der Porzellanfabrik oder selbstständig, sie verkauften die Stücke an Händler oder Privatpersonen. Stammgäste wählten ihre Motive aus Katalogen der Wirte oder ließen Unikate anfertigen. Manche Deckel überdauerten den Krug und wurden zu Sammlerstücken. Die hier vorliegenden Stücke verdanken ihre Erhaltung der „Patriotischen Kriegsmetallsammlung“ im Ersten Weltkrieg, als Zinn für militärische Zwecke requiriert wurde. Der Kunsthistoriker Alfred Walcher von Molthein rettete die Porzellaneinlagen für das Volkskundemuseum – trotz Beschädigungen, die beim Herausbrechen aus den Zinnfassungen entstanden.
Sammlungsgeschichte und Bedeutung
Die Wiener Sammlung dokumentiert nicht nur handwerkliche Kunst, sondern auch gesellschaftliche Strömungen: die biedermeierliche Heiterkeit, den aufkommenden Tourismus in den Alpen, die vorherrschenden ungleichen Geschlechterverhältnisse und die Rolle der Gaststätte als sozialer Ort und Treffpunkt. Die Medaillons sind materielle Zeugnisse der Volkskultur im süddeutschen und österreichischen Raum. Sie erzählen von Festen, Jubiläen und dem Alltagsleben einer Epoche, in der Bierkrugdeckel mehr waren als bloßer Verschluss – sie waren Ausdruck von Genuss, Identität und Geselligkeit.
Claudia Peschel-Wacha
Kuratorin und Sammlungsleiterin für Keramik am Volkskundemuseum Wien i. R.
28. April 2026
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