971 Digitalisate in Alben Bierkrugdeckelmedaillons

Bierkrugdeckelmedaillons aus Porzellan – Spiegel der Geselligkeit


Bis ins frühe 20. Jahrhundert waren Bierkrüge mit Porzellandeckeln fester Bestandteil der Gasthauskultur. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen Bierkrüge aus farblosem Glas mit Zinnmontierung in Mode, deren runde Porzellaneinlagen – sogenannte Medaillons – Platz für persönliche Motive boten. Diese Miniaturen, mit Landschaftsbildern, Jagdszenen oder humorvollen Darstellungen verziert, waren nicht nur Dekoration, sondern auch Statussymbol. Sie spiegelten die Vorlieben, den Beruf und den gesellschaftlichen Status ihrer Besitzer wider. Die Motive reichten von alpinen Landschaften über Zunftzeichen bis zu erotischen oder spöttischen Szenen, die Einblicke in die Sehnsüchte und den Humor der damaligen männlichen Stammtischgäste gaben. Einige dieser Motive sind problematisch, weil sie rassistische oder sexistische Darstellungen enthalten. Solche Inhalte sind durch einen Disclaimer entsprechend gekennzeichnet. Die Sammlung des Volkskundemuseum Wien umfasst 969 Medaillons aus Porzellan und zwei aus Glas, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in Verwendung waren. Sie bietet heute einen einzigartigen Einblick in die Kultur des Biertrinkens und die Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts.

Porzellaneinsatz mit dem legendären König Gambrinus, der als Erfinder des Bieres angesehen wurde, 4. Viertel 19. Jahrhundert, Deutschland, ÖMV/64381Volkskundemuseum Wien, CC PDM 1.0
 



Bierkrugdeckel als kulturelles Phänomen

Die Verbreitung von Bierkrugdeckeln aus Porzellan fällt mit dem Aufstieg des Bierkonsums und der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts zusammen. Bier wurde in Gasthäusern und Vereinslokalen konsumiert und spielte bei Studentenverbindungen, Stammtischen und Kartenrunden eine integrative Rolle. Mit technischen Innovationen wie Lagerkellern, Kühlmaschinen, Bierfiltern und der Nutzung untergäriger Hefe wurde die Qualität des Bieres verbessert und das ehemals trübe Bier wurde klar. Während Bierkrüge aus Steinzeug allmählich durch Glaskrüge ersetzt wurden, wandelten sich die Deckel zu persönlichen Erkennungsmerkmalen. Die Masse der Medaillons, meist 6 bis 7 cm groß, wurde industriell gefertigt: Nach dem ersten Brand erhielten sie eine Glasur, bevor Motive per Umdruckverfahren aufgebracht und von Porzellanmalern koloriert wurden. Die Darstellungen – von alpinen Landschaften im romantischen Abendrot bis zu karikaturesken Figuren – dienten der Unterhaltung und Identifikation. Sie zeigen eine idealisierte Natur, die als Gegenentwurf zur modernen Stadtwelt fungierte, aber auch Szenen, die Klischees und Diskriminierungen der Zeit reproduzierten.


Motive und Symbolik

Die Themenvielfalt der Medaillons ist beeindruckend: Neben Berg und Wald als Sehnsuchtsorte finden sich Landschaften, Städte, Gasthausszenen, Jagdszenen, Tierdarstellungen, Porträts, Zunft- und Berufszeichen, neutrale Blumenmotive sowie erotische oder humorvolle Szenen, die manchmal auch beide Seiten des Deckels nutzten: außen verhüllt, innen freizügig. Frauen wurden dabei – unter dem Deckmantel der Erotik – sexualisiert dargestellt und auf Äußerlichkeiten reduziert, Männer als Jäger, Fischer oder Studenten porträtiert und gelegentlich humoristisch karikiert. Der legendäre König Gambrinus, oft fälschlich als „Erfinder“ des Bieres bezeichnet, war ein häufiges Motiv. Viele Motive spiegeln den Stolz auf den Beruf (Bauern, Handwerker) oder persiflieren gesellschaftliche Gruppen (Städter als tollpatschige Jäger). Vor allem Darstellungen von Mädchen und Frauen unter dem Aspekt der Sexualität (weibliche Personen als Lustobjekte) und politische Anspielungen sind heute nur noch schwer nachvollziehbar. Die Motive waren für die Sichtbarkeit bestimmt – sowohl beim Gebrauch des Kruges als auch bei der Ablage auf dem Krugbrett in der Gaststätte.


Herstellung und Individualisierung

Die Produktion der Medaillons war ein mehrstufiger Prozess: Nach dem Formen und Glasieren folgte der Dekor, der entweder handgemalt oder aufgedruckt wurde. Druckvorlagen aus Lithografien, Kupferstichen oder Radierungen wurden im Umdruckverfahren auf den Deckel übertragen und koloriert. Porzellanmaler arbeiteten in der Porzellanfabrik oder selbstständig, sie verkauften die Stücke an Händler oder Privatpersonen. Stammgäste wählten ihre Motive aus Katalogen der Wirte oder ließen Unikate anfertigen. Manche Deckel überdauerten den Krug und wurden zu Sammlerstücken. Die hier vorliegenden Stücke verdanken ihre Erhaltung der „Patriotischen Kriegsmetallsammlung“ im Ersten Weltkrieg, als Zinn für militärische Zwecke requiriert wurde. Der Kunsthistoriker Alfred Walcher von Molthein rettete die Porzellaneinlagen für das Volkskundemuseum – trotz Beschädigungen, die beim Herausbrechen aus den Zinnfassungen entstanden.


Sammlungsgeschichte und Bedeutung

Die Wiener Sammlung dokumentiert nicht nur handwerkliche Kunst, sondern auch gesellschaftliche Strömungen: die biedermeierliche Heiterkeit, den aufkommenden Tourismus in den Alpen, die vorherrschenden ungleichen Geschlechterverhältnisse und die Rolle der Gaststätte als sozialer Ort und Treffpunkt. Die Medaillons sind materielle Zeugnisse der Volkskultur im süddeutschen und österreichischen Raum. Sie erzählen von Festen, Jubiläen und dem Alltagsleben einer Epoche, in der Bierkrugdeckel mehr waren als bloßer Verschluss – sie waren Ausdruck von Genuss, Identität und Geselligkeit.


Claudia Peschel-Wacha

Kuratorin und Sammlungsleiterin für Keramik am Volkskundemuseum Wien i. R.

28. April 2026



Literaturliste:

Grieshofer, Franz: Jagd und Jäger in der Volkskunst. Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde. Wien 1978.

Krafft, Barbara: Weidmanns Durst: Jagdmotive aus den Fliegenden Blättern auf Krugdeckeln mit Porzellaneinlagen. In: Wolfgang Brückner, Konrad Vanja, Detlef Lorenz, Alberto Milano & Sigrid Nagy (Hgg.): Arbeitskreis Bild Druck Papier Tagungsband Ravenna 2006. Münster, New York, München, Berlin 2007, S. 79-91.

Motyka, Gustl: Von Zinndeckeln auf Bierkrügen. Dauerausstellung des Deutschen Zinnfiguren-Museums auf der Plassenburg zu Kulmbach. Regensburg 1992, S. 17.

Peschel-Wacha, Claudia: „Gerstensaft gibt Muth und Kraft!“ In: Der Bundschuh. Schriftenreihe des Museums Innviertler Volkskundehaus 17/2014, S. 46-50.

Peschel-Wacha, Claudia: Gambrinus & Co. Die Geschichte hinter 977 Medaillons aus Porzellan. Katalog zur Passagenausstellung im Volkskundemuseum Wien. Wien 2023.

Uhlig, Ottmar Odty: Bierkrugdeckel. Kleinkunst auf Porzellan-Medaillons. Rosenheim 1980 (= Rosenheimer Raritäten).

Schmidt, Leopold: Bierkrugdeckel – ernst bis heiter! Volkstümliche Motive in der Porzellanmalerei des 19. Jahrhunderts. Linz 1970.

o.A.: Bemalte Porzellanscheiben von Deckeln der Bierkrüge, deren Zinnfassung eingeschmolzen wurde. In: Nachtrag zum Verzeichnis der Ausstellung der Patriotischen Kriegsmetallsammlung, Nr. 4787-4810, S. 4-5. In: Katalog zur Ausstellung der Patriotischen Kriegsmetallsammlung, Festsaal des Militärkasinos I., Schwarzenbergplatz Nr. 1, K.u.K. Kriegsministerium, Abt. 7, Verzeichnis historisch und künstlerisch hervorragender Spenden.