326Michael J. Greger, Katharina Thenius-WilscherAudio- oder Videoquellen kostenfrei gehört und gesehen werdenkönnen. Diese Plattformen, die bisweilen eine Stimmung des schran-kenlosen Veröffentlichungsdranges evozieren, sind unserer Meinungnach allerdings nicht für Quellen jedweder Herkunft gleich gut geeig-net. So gibt es Aufnahmen, insbesondere z. B. aus der NS-Zeit odermit anderen heiklen Inhalten, die im Fall der Veröffentlichung einerumfassenden Kontextualisierung und eines sorgfältigen Kommentarsbedürfen.72Ist ein solches Unterfangen unmöglich, sollte auf einevorschnelle Veröffentlichung verzichtet werden.In Oral-History-Interviews, insbesondere von noch lebendenZeitzeuginnen und Zeitzeugen, können sensible Themen wie z. B.Religion, politische Einstellung, sexuelle Orientierung oder innerfa-miliäre Angelegenheiten auftauchen, die nicht für eine breite Öffent -lichkeit bestimmt sind.Weiters sind nichtkontextualisierte Feldforschungsrohdaten,die oftmals unter vertraulichen Umständen(dialogisches Setting)zustande gekommen sind, vor allem unter den Aspekten der Perso-nen- und Datenschutzrechte von Informant:innen, des Archiv- sowiedes Urheberrechtes nicht zur Veröffentlichung geeignet.7372Als Beispiel seien zwei Auftragsdigitalisierungen des PhA erwähnt:erstens die im Rahmen des SS-Ahnenerbes in den Jahren 1940–1942entstandene Südtirolsammlung von Alfred Quellmalz, die von ThomasNussbaumer in Form einer umfangreich kommentierten CD-Editionherausgegeben wurde(Thomas Nussbaumer: Bäuerliche Volksmusikaus Südtirol 1940–1942. Originalaufnahmen zwischen NS-Ideologie undHeimatkultur. Innsbruck 2008); zweitens die Sammlung von ChristophPurschke: Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten(1936–1938). In:https://lautdenkmal.de/(Zugriff: 22.1.2024), ein historisch-kritischesEditionsprojekt, an dem neben dem PhA unter anderem auch das Aust-rian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage(ACDH-CH)der ÖAW beteiligt war.73Vgl. dazu z. B. Iris Eisenberger, Daniel Ennöckl, Ilse Reiter-Zatloukal(Hg.): Zeitgeschichtsforschung im Spannungsfeld zwischen Archiv-,Datenschutz- und Urheberrecht. Wien 2015. Im Bewusstsein der Vielzahlan nützlicher Literatur zu den Problemen der Feldforschung sowie beiqualitativen Interviews, insbesondere zur Forschungsethik innerhalb derEuropäischen Ethnologie/Kulturanthropologie vgl. Brigitta Schmidt-Lauber: Feldforschung. Kulturanalyse durch teilnehmende Beobachtung.In: Silke Göttsch, Albrecht Lehmann(Hg.): Methoden der Volkskunde.Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin2007, S. 219–248, hier S. 237 f.; Wolfgang Kaschuba: Einführung in dieEuropäische Ethnologie. Berlin 2012, hier besonders S. 207f.; Utz Jeggle:
Aufsatz
Digitale ethnografische Archive : Theorie- und Praxisperspektiven auf den Umgang mit Kulturerbe im digitalen Alltag
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