Auf der Suche nach einer anderen Präsenz121auch zu Hause fühlen zu können. Damit wird eine Diskrepanz zwi-schen einer scheinbaren und einer wirklichen, authentischen Präsenzbehauptet, wobei die digital vermittelte Präsenz abgewertet wird.11Die Narrative, in denen über die eigene Transformationreflektiert wird, verweisen häufig auf das Zusammenspiel von Kör -perlichkeit und Gedankenführung, das – so das Argument – durch dieandauernde Smartphone-Nutzung gestört werde und zu einer Selbst-entfremdung führe. Wer also fähig sein wolle, Lebensentscheidungenzu treffen, kritisch zu denken, gesund zu bleiben und soziale Beziehun -gen zu pflegen, müsse seine Medienpraktiken überdenken. Denn umin eineranderen Präsenzals der Medienpräsenz zu leben, müsse dasHier und Jetzt im Face-to-face-Austausch mit sich, anderen und dernatürlichen Umwelt priorisiert werden.12Dafür müsse aber zunächstsichtbar gemacht werden, was sich selbst unsichtbar mache. Denn diemedienkritischen Narrative verweisen auf den Umstand, dass der All-tag den Blick auf die Mediennutzung verstelle und User:innen garnicht merken würden, wie sehr sie von Internet und Smartphoneabhingen – ein Effekt des Alltagslebens, den Thomas Hengartner alsdas„Verblassen der Wahrnehmung der Präsenz von Technischem“beschreibt.13Wer also anders leben wolle, müsse zunächst erkennen,dass er von einem Zuviel an Digitalität und Medialität umgeben sei.YouTube-Videos, die den zeitweisen Verzicht auf SocialMedia und die damit zusammenhängende„lebensverändernde“14Transformation verbildlichen, zeigen typische Visualisierungen desLebens mit und ohne Smartphone. Im Split-Screen, der – lange11Vgl. zur Aufwertung einer„Kultur der Authentizität“ in einer„Valorisie-rungsgesellschaft“ Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten.Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin 2021, S. 10, 14, 287.12Vgl. reflektierend zu diesem populären Diskurs: Andreas Nehring,Ernst Christoph: Populäre Achtsamkeit. Kulturelle Aspekte einer Medi-tationspraxis zwischen Präsenzerfahrung und implizitem Wissen. In:Dies.(Hg.): Präsenz und implizites Wissen. Zur Interdependenz zweierSchlüsselbegriffe der Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld 2013,S. 373–404.13Hengartner(wie Anm. 2), S. 123.14„I deleted social media 6 months ago, and it changed my life“, heißt esetwa in der Beschreibung zum Clip„6 Months Without Social MediaAs A Gen Z“ von Lucy Allen von 2022, https://www.youtube.com/watch?v=z1FVURd-JTM(Zugriff: 27.5.2024).
Aufsatz
Auf der Suche nach einer anderen Präsenz : zur Einschränkung der Smartphone-Nutzung in Schule, Erziehung und eigenem Alltag
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