Mitteilungen.
299
lassen. Nach der gangbaren Theorie sollen sich alle in Betracht kommendenTiere aus Jagdtieren durch allmähliche Zähmung zu Haustieren entwickelthaben. WUNDT bekämpft nun die Anschauung, dafs ein Mensch auf dieIdee gekommen sein soll, den Stier dadurch in ein Zugtier zu verwandeln,dafs er ihn entmannte. Mit Recht meint der Verfasser, dafs dazu eineallzu grofse Einsicht in das Wesen des Tieres erforderlich gewesen wäre,um ein so planmäfsiges Vorgehen zu rechtfertigen. Wir können uns jaden Menschen dieser Entwicklungsperiode unmöglich geistig so hochstehendvorstellen. WUNDT erklärt die ganze Frage aus dem Kult. Bei den Vegetations-festen entmannen sich häufig die Priester, indem sie ihre Hoden als einenSeelensitz den Göttern opfern. Da war es doch sehr begreiflich, dafs anStelle des Menschen- das Tieropfer trat und so auch der Stier herhaltenmufste. Nun bemerkte man, dafs der Vierfüfsler nach der Operation zahmergeworden war und verwendete ihn zum Ziehen des Götter wagens, wasfrüher die Priester besorgt hatten. Nun war es ja nur mehr ein Schritt,den Ochsen auch vor den Pflug zu spannen. E. HAHN stellt sich denWerdegang der Benützung des Ochsen als eines Zugtieres so vor, dafs diesesentmannte Tier als ein heiliges analog dem Priester- Eunuchen nebendem Götterwagen einherging. Der Vierfüfsler war an das Vehikel gefesselt.Wie leicht ist da ein Übergang zum Ziehen des Wagens denkbar! Er-wähnenswert ist es aber, dafs die Milchwirtschaft nicht überall mitder Rinderzucht Hand in Hand geht. So besitzen in Ostasien die Japanerund Chinesen bereits seit urdenklichen Zeiten einen hochstehenden Acker-bau mit dazu gehöriger Rinderzucht. Aber der Genufs der Milch ist diesenVölkern völlig fremd. Wenn man die Milch trinken will, so liegt es nahe,die Kuh dahin zu bringen, nicht nur während des Kalbens Milch zu geben,sondern sich auch sonst in diesem Sinne verwenden zu lassen. Die Ver-anlassung hiezu bot sicherlich, wie WUNDT meint, wiederum der Kult. Sowar es bei den Indern üblich, den Göttern Milch- und Butteropfer darzu-bringen. Daher mufste man diese Dinge stets zur Verfügung haben. Erstspäter wurde die Milch regelmäfsig von den Menschen genossen. NachE. HAHN2 war in Ägypten, Babylonien und überhaupt im vorderen Orient Glossar ::: zum Glossareintrag Orient,das Rind resp. die Kuh der Mondgottheit geweiht, also heilig,- wegender Ähnlichkeit der Hörner mit der Mondsichel. Der König wurde aberals Sohn der Mondgottheit verehrt. Daher wurde ihm von seiner Mutterauf die Art Kraft zugeführt, dafs er die Milch der sie repräsentierendenKuh trank. Von da aus ging allmählich der Milchgenufs auf die Gesamtheitdes Volkes über. HAHN leitet also die Milchwirtschaft wohl auch aus demKult ab, aber nicht aus dem Opfer, sondern aus der Anbetung der Mond-göttin und der damit zusammenhängenden Gebräuche. Möglicherweisebestehen beide Erklärungen zurecht, und zwar jede für ein besonderesGebiet, die von WUNDT für Indien und Ostasien und die von HAHN für denvorderen Orient Glossar ::: zum Glossareintrag Orient, für Europa und Afrika. Wie es sich aus historischenDokumenten des alten Orients Glossar ::: zum Glossareintrag Orients ergibt, war der Ochse das erste Zug- undReittier, an dessen Stelle dann später das Pferd trat. Im Heldenzeitalter
E. HAHN, 1. c. S. 105 ff.2 E. HAHN, 1. c. S. 136.