Wiener Note hervor, welche freilich analytisch erst jeweils auf ihre Be-ziehungen geprüft werden müßte. Von einer individualistischen Geistigkeit kannhiebei wohl nicht gesprochen werden, wenn auch die soziale Oberschichte fraglosan der Ausbildung der Wiener Küche ihren großen und verständlichen Anteilhat. Es ist nicht zu übersehen, daß es sich hier trotzdem um Dinge handelt,welche das gesamte Großstadtvolk verbinden und einen, so daß jeder Wienerstadtfremde Kost spürt. Gerade der volkskundlichen Betrachtung kann es hie-bei nicht entgehen, daß der soziale Unterschied keine erstrangige Bedeutung be-sizt, da hier die Fülle der Speisen etwa durchaus nicht so viel ausmacht, alsetwa die Zubereitungsart. Hier besteht Überlieferung, ja Erbe in vollstemSinn. Die Tochter, die von der Mutter kochen lernt, ist eine Überlieferungs-trägerin, wie man sie bei anderen Volksgütern nicht besser erschließen könnte.Inwieweit hier weiterhin dann reines Stadterbe vorliegt und welche Be-ziehungen zum bäuerlichen Erbe doch bestehen, muß einer genaueren Speisen-volkskunde überlassen bleiben. Nur von den Getränken wäre noch zusagen, daß auch hiebei, besonders in den Trinksitten, jedenfalls bezeich-nende Eigenheiten bestehen. Wie schon erwähnt, ist Wien alte Weinstadt.Das Bier bürgerte sich allmählich erst ein, ist aber heute doch von großerBedeutung.
Zum Teil im Zusammenhang mit der Speisenbereitung, zum Teil schon zuvolksmedizinischen Fragen hinüberspielend, sei noch verschiedener häuslicher Er-zeugnisse gedacht, deren Zubereitung zu einem großen Teil auf Grund familiärerÜberlieferung vor sich geht. Dazu gehört z. B. das Ansetzen von Schnäpsen,das nach erprobten Rezepten gehandhabt wird, und in der Zeit der Eigen-gärten weiters das Ziehen von Obstweinen, vor allem Beerenwein, Ribiselwein.Von den Schnäpsen geht dann der Weg zu den oft alkoholischen Haus-mitteln, von denen wienerische Rezepte schon aus dem 18. und frühen19. Jahrhundert vorliegen, so eine„ Hundertjährige Medizin" von 18271),eine Art von Kräuterlikör, die bei Magenschmerzen verwendet wurde. DieKenntnis derartiger Hausmittel ist sehr verbreitet; gelegentlich treten hier auchNeuwuchserscheinungen hinzu, so, wenn man infolge„ unterirdischer" An-weisungen sich auf die Herstellung von obskuren Heilmitteln einläßt, wie z. B.des durch Jahre hindurch beliebten„ Japanischen Teeschwammes". DerartigeAllheilmittel müssen durchaus nicht immer bäuerliches Erbe sein; es ist min-destens ebensoviel Städtisches dabei, und Neneinführungen infolge typischerGroßstadtwuchserscheinungen, welche die Großstädte untereinander verbinden,stellen sich zusammen mit Kurpfuschern und Wunderheilern immer wieder ein.
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1) Sammlung Rudolf Kriß, Wien, Hs. 3. 341.