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Wiener Volkskunde : ein Aufriß
Entstehung
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kurze Zeit später die großen Bauten und die Industrialisierung die Einwan-derer gerade aus den alten Gebieten in größter Zahl nach Wien, und nun,infolge der ständigen Beschäftigungsmöglichkeiten, gingen sie nicht mehrzurück. Von denen aber, von welchen Nicolai 1781 schrieb: Es ist unglaub-lich, wie viel fremde Menschen vom gemeinen Volke nur aus dem Reichedurch schwäbische und baierische Schiffe wöchentlich dahingebracht werden 1)ist in dieser Zeit kaum mehr etwas zu bemerken. Sie hatten freilich für dieVerknüpfung Wiens mit Süddeutschland wesentliche Dienste schon geleistet.Für weite und vielfach einflußreiche Kreise der bürgerlichen Wiener Gesell-schaft war noch der zu guten Teilen protestantische Einwandererstrom ausdem Reich im 19. Jahrhundert bedeutsam, der besonders in der Gründerzeitunter anderem viele jener Künstler mit sich brachte( Ferstel, Hansen, Friedrichvon Schmidt), welche den Ringstraßenstil" von Neuwien" bestimmt haben,der einen der markantesten Einschnitte in Wiens Baugeschichte bedeutet undden Bruch mit den älteren Wiener städtebaulichen Traditionen bis heute nichtverkennen läßt2). Es ist ungemein bezeichnend, daß der Zustrom aus denSudetenländern seinen wichtigsten Niederschlag in den volksnächsten Künstenfand bei den Humoristen aller Art. Um 1850 ungefähr setzt in Wiender Böhm"-Humor ein, und Nestroy konnte damals sein Bonmot prägen So jung und schon a Böhm!". Damals entstand auch die Böhm"-Szenedes Volkssängers Karl Kampf, in der Kampf das Lied Wanns Mai-lüfterl waht" in böhmischer" Aussprache sang. Er sang die Szene jahr-zehntelang, und sie blieb aktuell³).

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Der Einwanderungs- und Einschmelzungsprozeßvollzog sich bis zum Weltkrieg unaufhörlich, und ist heute noch nicht abge=schlossen, obgleich die Absperrung gegen die wichtigsten Zuwanderungsgebiete,vor allem gegen die Tschechoslowakei, durch die Grenzziehung von 1919 unddie völlig veränderte Stellung Wiens von einer Einwanderung im alten Sinnnicht mehr sprechen läßt. Dagegen sind die letzten Einwandererwellen nocheinzuwienern, und sie sind noch bedentend genug. Ergab doch die Volkszählungvon 1934, daß ein Viertel der Wiener Bevölkerung noch im Ausland geborenwar, der größere Teil davon auf dem Boden der Tschechoslowakei. DerProzeß der Einwienerung blieb nicht unbeachtet. Gerade Zuwanderer selbstsahen die Tatsache ziemlich genan und wußten sie einzuschäßen. So meinte derSchlesier Friedrich Uh14): Die Fremden waren nicht Deutsche geworden,

1) Nicolai, Neudrud S. 171.

2) Eine Zusammenstellung dieser Familien seit dem Vormärz bietet Hans Jaquemar, DerAnteil der Protestanten an dem Kulturleben Wiens( Der evangelische Heimbote, Wien 1934).3) Josef Koller, Das Wiener Volkssängertum. Wien 1928.( Nach Schlögl!)4) Uhl, Aus meinem Leben, G. 82.

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