schwach entwickelt, also gerade in der Zeit, da die fränkische Besiedlung nocheine sehr große Rolle spielt. Der spätere Aufschwung in der Barockzeit hängtaber doch sehr stark mit dem italienischen Theaterwesen wie mit dem Drdens-drama zusammen. Nicht zu vergessen ist hier, was später noch näher erörtertwerden soll, nämlich manches aus dem Eigenschaftenschatz des typischenWieners, wie die berühmte Mischung von Gemütlichkeit und„ Reschheit"( Herbe), die fast wie eine Mischung von bairischen und fränkischen Stammes-eigentümlichkeiten anmutet. Am stärksten tritt jedoch der Unterschied vom alt=bairischen Wesen hervor, wenn wir eine bairische Stadt zum Vergleichheranziehen: wie verschieden ist nicht München von Wien!
Dhne daß dieser Unterschied heute schon begrifflich leicht zu fassen wäre,tritt er doch von der Stadtanlage bis zum Vergnügungsleben, von den Eimvir-kungen der ländlichen Umgebung bis zu der großstädtischen Neuprägung sehrdentlich hervor¹).
Wenn wir aber von den älteren besiedlungsgeschichtlichen Tatsachen zumWerden des Wiener Großstadtvolkes gelangen wollen, besehen wir am bestendas Wiener Stadtoolk um die Wende des 19. Jahrhunderts. AnHand der Abstammung der führenden Geister um 1800 können wir dochmanche Fingerzeige erhalten. Dabei ist es einstweilen nicht so wichtig, inwelcher Generation sich die betreffenden Familien schon in der Stadt befinden.Die Dichter Matthias Leopold Schleifer und Christoph Kuffner stammenaus Niederösterreich, Blumauer und Grillparzer aus Oberösterreich, Ferdi-nand Santer aus Salzburg, Lenan ist ein ungarländischer Deutscher. PaulWeidmann ist ein Franke, wie vor ihm Philipp Hafner, nach ihm SebastianBrunner. Daß schon der Dichter der Wiener Meerfahrt( 13. Jahrhundert)und so mancher andere aus Franken kam, sei nur nebenbei erwähnt. DieOberpfalz scheint mit Wien seit langem in guten Verbindungen zu stehen.Wolfgang Schmelzl kam von dorther, auch Gluck, und Schikaneder warRegensburger. Bauernfeld war Schlesier, wie später Rudolf Hans Bartschund manche andere. Bei den Dichtern und bei den Komponisten ordnet sichzunächst das ganze noch nicht recht: War Gluck Oberpfälzer, so kommenJohann Nepomuk Hummel aus Preßburg, Wenzel Müller aus Tyrnau-es bleibt ein Kunterbunt. Dagegen ordnet sich das Chaos ohne Pressung derTatsachen, wenn wir die vier großen Meister der Wiener Tonkunst der Zeitin diesem Zusammenhang betrachten. Haydn stammt aus Niederösterreich,Mozart aus Salzburg, Beethoven aus dem Rheinland und Schubert aus
1) Vgl. Friedrich Lüers, Die Münchner.( Der deutsche Volkscharakter, Jena 1937, S. 325 ff.)
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