schwellen der Bevölkerung im Kern nicht verändert wurde, zwingt uns zu-nächst, die Altwiener Volkskultur auf ihren Charakter hin zu prüfen. Dieältere Schichte der Wiener Bevölkerung wurde doch zweifellos mit derzahlenmäßig weitaus bedeutenderen der Einwanderer amalgamiert: daß dasWienertum dabei siegreich blieb, zeigt, daß hier das Wunder des Carpenter-schen Gesetzes seine Wirkung begann und der Assimilationsprozeß zugunstender Alteingesessenen verlief und verläuft. Daß die Volkskultur des Franzis-zeischen Wien von großer Geschlossenheit war, wird kaum bezweifelt. Daßaber der Wiener Volkscharakter etwa hundert Jahre später so ziemlich die-selben Züge aufweist, das scheint die ungeheure Kraft der Angleichung, diemit der Sprache beginnt und offenbar erst beim Charakter endigt.
Das Widerspiel von Stetigkeit und Überschichtung verlangt, daß zu-nächst der stete Kern gezeigt werden muß. So müssen wenigstens einigeGrundelemente der Besiedlung hervorgehoben werden, da die ursprünglicheMischung den Charakter in seiner Stetigkeit ja geschaffen hat.
Die Dörfer in Wiens Umgebung heute vielfach seine Außenbezirkeund Vororte sind im wesentlichen von bairischen Stammesange-hörigen besiedelt. Fränkische und mitteldeutsche Elemente sindauch vorhanden gewesen, aber mindestens mundartlich ganz verschwunden.Elemente der Volkskultur besonders im östlichen Niederösterreich dürften abernoch auf nichtbairische Nachsiedler nach dem Türkenkriege deuten. Wien da-gegen ist keineswegs eine bairische Stadt. Schon die ältere Wiener Mund-art wird häufig hiefür als Zeugnis herangezogen, etwa die BehauptungHeinrich Laubes, daß ihm das Wienerische ausgesprochen ähnlich dem Frän-kischen klinge. Wenn man gelegentlich meinte¹), daß im geistigen HabitusWiens sich das fränkische Element stärker durchzusetzen scheine als im öfter-reichischen im allgemeinen, so faßt dies das Ergebnis vieler Einzelbeobachtungenzusammen. Gegründet ist Wien als deutsche Siedlung gewiß von bairischerSeite. Die Übernahme der Dstmark durch die fränkischen Babenberger aberhat ganz unzweifelhaft Franken in großer Zahl hieher gebracht. Sie sind inNiederösterreich, besonders im Norden, vielfach vermutet und gesucht worden.In Wien sind sie in der Grundmasse des Altvolkes wohl am ehesten zu finden.Jedenfalls spielen sie eine größere Rolle als die den Wienern weniger ver-tranten Schwaben, die unter den ersten Habsburgern hierherkamen. Wennin Bezug auf die theatergeschichtliche Rolle Josef Nadler Wien als starkbairisch erklärt, so ist dies doch mit Vorsicht weiter anzuwenden. Nicht um-sonst ist gerade das mittelalterliche Theater- und Dramenwesen Wiens sehr
1) J. W. Nagl, über den Gegensatz zwischen Stadt- und Landdialekt in unseren Alpen-ländern.( Zeitschrift für österr. Volkskunde, I, 1895, G. 33 ff., 166 ff.)
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