Das Wiener Volk.
Herkunft und Stammhaftigkeit.
Zunächst gehört es nun in den Aufgabenkreis der Volkskunde, das Volkselbst kennenzulernen, um sein Sein aus seinem Werden herans verstehenzu können. Das geschichtliche Werden verfolgen aber heißt zunächst die Fragebeantworten: Woher kamen sie, die Wiener, von den ersten Besiedlern imnengegründeten Wien bis zu den leztzugewanderten des Zweimillionenvolkes?Diese Volksgeschichte ist in der Stadt ebenso wichtig wie in einer flächig ans-gebreiteten Landschaft. Gestaltet sich dort das Volksgut im Raum, so könnenwie hier seine Eigenschaften in der Prägung des Stadtcharakters, des Charak-ters des Stadtvolkes ablesen, beharrsam hier wie dort, von der großen Stadt,wie Hellpach¹) richtig hervorgehoben hat, sogar bekannter als von Stamm undSchlag. Daher muß das Wiener Volk zunächst in seinen statistischen Be=langen, während seines Werdens als Großstadtvolk, gezeigt werden.
Wien ist als Großstadt nicht alt. Erst seit der einsehenden intensivenIndustrialisierung kann von einem Großstadtvolk hier gesprochen werden, mitder breiten proletarischen Grundlage und einem zahlenmäßig ebenfalls sehrbedeutenden Kleinbürgertum als seinen wichtigsten Komponenten. Was vorher,also in der Barockzeit war, das war Österreichs größte Stadt, schon seit demMittelalter, die bis in die Zeit Josefs II. langsam etwa 268.000 Gin-wohner( 1786) erhalten hatte. Das Wachstum bis zum endgültigen Ein-sezzen des Maschinenzeitalters bleibt noch immer mäßig: 1837 zählte man mitder Garnison 377.0002). Von dem vierten Jahrzehnt des 19. Jahrhundertsan wuchs Wien erst. Obgleich Österreich Provinzen verlor, brachte doch diezweite Hälfte des 19. Jahrhunderts jenen Zuwachs an Menschen, der Wienin den letzten Jahren vor dem Weltkrieg zur Zweimillionenstadt werdenließ³).
Demgemäß ist diese Zeit für die Zusammenmensehung des WienerVolkes die wichtigste und wäre wohl auch innerlich die wichtigste gewesen,wenn Volksteile Maschinenteile wären und Bevölkerungszunahme eineAddition und sonst nichts darstellen würde. Daß ein deutlich erkennbarerWiener Volkscharakter, ein Wiener Volksleben durch das ungeheure An-
1) W. Hellpach, Volkstum der Großstadt, in Velhagen und Klasings Monatshefte, Februar1935, G. 638 ff.
2) Matthias Koch, Wien und die Wiener. Karlsruhe 1842, S. 333.
3) Vgl. Oskar Gelinek, Bevölkerungsspiegel österreichs. Wien 1924. Vgl. auch M. Haber-landt, Die Bevölkerung von Wien( Wiener Zeitung, 1895, Nr. 73 u. 74).
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