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Wiener Volkskunde : ein Aufriß
Entstehung
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Jahrhunderts, wo für uns die Quellen immer wichtiger werden, nehmen sie ab,das aktive Leben, nicht zuletzt das Jahr 1848, zieht alles in seinen Bann¹). Undin diesen Jahren wird Wien zur Großstadt. Über die merkwürdigen Erschei=nungen ihrer ersten Jahrzehnte bekommen wir freilich bereits wieder Berichte.Jetzt schreiben in erster Linie die Einheimischen. Zunächst nicht mehrBücher, sondern Zeitungsartikel, in schärfster Kritik und heißer Liebe ZI dieserStadt zugleich. Hier hat auch das Widerspiel von Erbe und Neunuchs seineersten, unbewußten Beobachter gefunden, die uns im nachfolgenden für dasWerden des Großstadtvolkes sehr dienlich sein werden. Die Wiener Lokal-schriftsteller, besonders die meist satirisch eingestellten Humoristen, die geradeam Wege Wiens von der Kaiserstadt zur Großstadt stehen, sind die wahrenErforscher Wiens in der Zeit ungefähr von 1866 bis 1914. In einer Reihestehen diese volkskundigen Männer, V. Chiavacci, E. Pößl, R. Stürzer,H. Forschneritsch2) den volkskundigsten, vielleicht den einzigen Wiener Volks-kundler inöchte man freilich Friedrich Schlögl³) nennen. Es steckte, wie in alldiesen Männern, nur tiefer, wohl der Moralist in ihm, doch mit seinemscharfen Auge und seiner unbestechlichen Feder hat er der Nachwelt, die ihnso wenig kennt, unbezahlbare Dienste geleistet. Die Wiener Forschung imZeitalter der Großstadtwerdung ist nur durch wenige Arbeiten auf diesemGebiet vertreten. Bedeutsam ist die Anteilnahme und Darstellung deswienerischen Elementes bei Heinrich Friedjung). Erinnerungen aus derBlütezeit des einseitigen Individualismus geben nicht jene umfassenden Schil-derungen des Kulturlebens wie ihre Vorgänger im Vormärz. BekanntereMemoiremverke der Zeit wie Alfred von Bergers Buch der Heimat" 5)enthalten lediglich subjektiv gesehenen Stoff. Bedeutend wertvoller im Sinneeiner überschauenden Kultur- und Zeitbetrachtung sind die Erinnerungen Aus

1) Politische Erinnerungen gibt es selbstverständlich aus dieser Zeit sehr viele, doch enthalten sie nur selten Sittenschilderungen von weiterem Blid. Siehe z. B. Heinrich Pröhle, Berlinund Wien, ein Skizzenbuch. Berlin 1850.

2) V. Chiavacci, Aus dem Kleinleben der Großstadt. Wiener Genrebilder. 1. Band, Wien.( Bibliothek für Ost und West.)

3) Friedrich Schlögl, Wiener Blut, 1875. Wiener Luft, 1876. Wiener Volksleben: Die öster-reichisch- ungarische Monarchie in Wort und Bild, Band Wien und Niederösterreich, S. 91 ff.Feinsinniges Eindringen von außen her kennzeichnen die fingierten Reisebriefe eines Franz Ser-vaes: Wien. Briefe an eine Freundin in Berlin.(= Stätten der Kultur, Bd. 8) Leipzig 1908.

4)( Jude) Österreich von 1848 bis 1860. Stuttgart 1908/12.

5) Berlin 1911, 2 Bände. Eine ausgesprochene Ausnahme bilden in dieser Zeit die Er-innerungen Heinrich Reinharts, eines Führichschülers: Wien zu meiner Zeit. Ein Rück- undUmblick.( Österreichisches Jahrbuch, hg. Frhr. von Helfert, Wien 1893, Bd. 17, S. 191 ff., 1894,Bd. 18, S. 209 ff., 1896, Bd. 20, S. 1 ff.)

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