deren eigene Verdienste gar nicht bestritten werden sollen. Wiens Kultur-geschichte um 1800, die übrigens sehr gut erforscht ist, darf aber für eineWiener Großstadtvolkskunde nur Hilfswissenschaft sein.
Zeugnisse und Quellen zur Wiener Volkskunde.
Es gibt also eine eigene, eigenwertige Großstadtvolkskunde, weil es einGroßstadtvolk gibt. Gibt es auch bereits eine Wiener Volkskunde? Bisherkann man wohl bis auf Anfäße in der Erforschung des Erbes nicht davonsprechen. Dafür, also für eine historische Wiener Volkskunde, hat die mäch-tige Wiener Lokalforschung schon viel Stoff beigestellt, welcher die Einord-nung des Altwienertums in die österreichische und damit in die deutsche Kulturmühelos ermöglicht. Wir werden bei der Behandlung des Erbes daran an-knüpfen können. Um einen kurzen Überblick über die Quellen zu geben, greifenwir hier die wichtigsten Schriften heraus. Zwei Richtungen sind für dieAltwiener Volkskunde von Wichtigkeit gewesen. Einerseits schrieben dieWiener selbst ziemlich viel über sich, dann aber besuchten von alters her soviele wichtige Fremde die Stadt, daß ihr Urteil und Wissen stets quellenmäßigheranzuziehen ist. Die mittelalterlichen Historiker und Schrift-steller liefern noch nicht sehr viel, außer gelegentlichen kulturgeschichtlichenDaten. Erst in der Renaissance, der Zeit, da der Mensch den Neben-menschen zu sehen beginnt, erfahren wir Wichtiges für Charakter und Lebens-art des Wieners, welche sich, nach maßgebenden Urteilen und den Zeugnissenaus mindestens fünf Jahrhunderten zu schließen, erstaunlich gleich gebliebensind. Aeneas Sylvius1) urteilt über die Wiener, und Michael Behaim²),beide nicht sehr freundlich aber doch manchen der typischen und bleibendenCharakterzüge bereits hervorhebend. Von den späteren Reisenden sehendie meisten nur das Sachliche oder beschreiben doch nur dieses, wie etwa derEngländer Eduard Brown³). Verhältnismäßig wenig sah oder beschrieb dochdie vielgereiste Lady Mary P. W. Montagu4). Dagegen berichtet die klugeVenetianerin Giovanna Carriera 1730 viel sehr Bezeichnendes über Aus-
1) Enea Silvio Piccolomini, Briefe. Übersetzt und eingeleitet von Mar Mell, Jena 1911,S. 48 ff. Vgl. Nagl- Zeidler- Castle, Deutsch- Österreichische Literaturgeschichte I., 421. Erst nachAbschluß dieses Buches erschien die ausgezeichnete Studie ,, Die Wiener" von Gustav Gugitz( in:Der deutsche Volkscharakter, Jena 1937, S. 403 ff.), dessen sämtlichen Arbeiten ich für ungezählteAnregungen tief verpflichtet bin.
2) Michel Behaim, Buch von den Wienern. Vgl. Nagl- Zeidler- Castle I., 302.3) Edward Brown, Durch Niederland, Teutschland usw. gethane Reisen. Nürnberg 1686.4) Der Lady Mary Pierrepont Wortley Montagu Reisebriefe. 1716-1718. Herausgegebenvon Hans H. Blumenthal. Wien 1931.
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