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Rasse, Kultur und Sprache
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PIRLICHER DES VEREINES

Wien. Mitte Ottober 10 17

Überreicht vom Ver

ISCHE VOLKSKUNAT

19

Sonderabdruck aus

,, Die Umschau", Wochenschrift über die Fortschritte in Wissenschaft und Technik, Frankfurt a. M.XXI. Jahrg. Nr. 37. 1917.

Kav

Rasse, Kultur und Sprache.

Von Dr. RUDOLF TREBITSCH( Wien).

aum jemals haben Rassenfragen so sehr imVordergrunde des Interesses gestanden, wiein den letzten Jahren und auch während diesesWeltkrieges. Wie oft war das Schlagwort ,, Diegelbe Gefahr in den Spalten unserer Zeitungenzu lesen! Die gelbe Rasse ist es, von der sie aus-geht und die zum Teil durch ihre große Bevölke-rungszahl, zum Teil durch ihre Expansionslust denBesitzstand der weißen Rasse bedroht.

Da ergibt sich vor allem die Frage: Was ver-stehen wir unter Rasse? 1) Man könnte die Antwortdahin zusammenfassen: Unter Rassen verstehenwir Menschheitsgruppen, die sich durch einen Kom-plex von körperlichen Merkmalen gegeneinanderabgrenzen lassen. Der Mensch, als solcher, ent-spricht dem naturhistorischen Begriff der ,, Gat-tung", während die Rassen ,, Arten" und ,, Unter-arten" darstellen. Die populärste, leichtfaßlichsteEinteilung hat Blumenbach geliefert. Er unter-scheidet eine kaukasische( weiße), mongolische( gelbe), malaische( braune), äthiopische( schwarze)und amerikanische( rote) Rasse. Die Hautfarbeist hier, neben mehreren andern Merkmalen, dasEntscheidende. Bei der letztgenannten Rasseist zu erwähnen, daß sie eigentlich zur gelben zurechnen wäre, da der Farbenton hauptsächlichdurch eine Körperbemalung erzielt wird. DieseKlassifizierung trifft nur in groben Umrissen dasRichtige. Es wurde noch weiterhin versucht, unsereGattung nach der Haarform, nach geographischenMomenten, nach dem Alter der einzelnen Artenoder nach der Schädelform zu gruppieren. Be-sonders die letztere Richtung wurde eine Zeitlangals die alleinseligmachende angesehen. Da ereig-nete es sich in Paris, daß ein namhafter Ge-lehrter auf einem Friedhof Schädel ausgrub, dieer, auf Grund seiner Forschungen, verschiedenenMenschenrassen zuzurechnen müssen glaubte. Ernahm an, daß sie Soldaten der russischen Armeeangehörten, die in den Napoleonischen Kriegengegen die Franzosen gekämpft hatten. Wie großwar die Überraschung des betreffenden Herrn,als sich aus amtlichen, später zutage gefördertenDokumenten ergab, daß es sich hier durchwegsum sterbliche Überreste von Französinnen handelte,die 1832 an der Cholera gestorben waren! Im

1) Diese Ausführungen stützen sich im wesentlichen auffolgende Werke: 1. Dr. Ignaz Zollschan, Das Rassen-problem. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig1911; 2. Franz Boas, Kultur und Rasse. Verlag Veit& Co, Leipzig 1914; 3. Friedrich Hertz, Rasse undKultur. Verlag Alfred Kröner, Leipzig 1915.

übrigen wurde später eine willkürliche Beeinflus-sung der Kopfform des Neugeborenen weiterhinnachgewiesen: Man konnte durch eine harte Unter-lage Langköpfigkeit und durch eine weiche Kurz-köpfigkeit produzieren. Es geht eben nicht an,die Menschheit nach einem körperlichen Merkmalallein einteilen zu wollen; das BlumenbachscheSystem jedoch, das diesen Fehler nicht begeht,ist auch aus verschiedenen Gründen nicht ganzeinwandfrei. Eine allen Anforderungen entspre-chende Klassifizierung zu finden, bleibt wohl einerferneren Zukunft vorbehalten, da die Anthropologie( die Wissenschaft vom Menschen) noch früher vieleVorarbeiten zu erledigen hätte.

Für Europa selbst ist man zu folgender Unter-teilung der weißen Rasse gelangt: 1. Eine nordischeRasse mit Langköpfigkeit, blondem Typus, Blau-äugigkeit und Großwüchsigkeit, homo europaeusoder teutonicus. 2. Eine mitteleuropäische Rasse,mit Kurzköpfigkeit, brünettem Typus, dunklenAugen und Kleinwüchsigkeit; vielfach wird dieseGruppe als homo alpinus bezeichnet. 3. Eine süd-europäische Rasse, mit Langköpfigkeit, brünettemTypus, dunklen Augen und Kleinwüchsigkeit, auchhomo mediterraneus genannt. 4. Als eine kleineGruppe müssen wir wohl noch die dinarische oderadriatische Rasse hinzufügen, der ein Teil der inden Pyrenäen wohnenden Basken, die Dalmatinerund manche Balkanvölker angehören. Sie zeichnetsich durch Kurzköpfigkeit, brünetten Typus,dunkle Augen und Großwüchsigkeit aus. Es gehtaus dieser Klassifikation hervor, daß es unrichtigist, zu glauben, wie es allgemein geschieht, daßBlondheit und Größenwuchs nur Attribute dergermanischen Völker sind. Nein, diese Merkmalegelten im allgemeinen für die nordischen, währenddie entgegengesetzten für die südlichen Nationenunseres Erdteiles in Betracht kommen. Die VölkerMitteleuropas nehmen auch hinsichtlich ihrerkörperlichen Eigenschaften ungefähr eine Mittel-stellung ein.

Interessant ist es, daß die Kulturvölker im gro-Ben und ganzen sich von den Naturvölkern Glossar ::: zum Glossareintrag  Naturvölkern durchMerkmale des Körperbaus unterscheiden, und zwarebenso wie die Haustiere von den wilden Tieren.Die Kulturvölker haben schwerere, die Naturvölker Glossar ::: zum Glossareintrag  Naturvölkerleichtere Knochen. Ein Kulturvolk ist dasjenige,das sich, im Gegensatz zum Naturvolk Glossar ::: zum Glossareintrag  Naturvolk, durch diebesser entwickelte Technik von der umgebendenNatur in seiner Lebensführung nahezu unabhängiggemacht hat.

Vielfach werden auch die Begriffe Volk und Rassemiteinander verwechselt. Unter einem Volk ist