Druckschrift 
Visions of Pride : eine universitäre Forschung im urbanen Raum
Entstehung
Wien [2020]
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Spätmoderne

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Unauffällig sichtbar

Semi- outing und fraktale Queernessauf der Regenbogenparade

Marija Jankovic

Gesellschaften verstehensich als pluralistisch und tolerant. Meinun-gen und Identitäten werden offen kommu-niziert auf Facebook wie auf der Straße.Mit Recht ließe sich von Bekenntnisgesell-schaften sprechen, in welchen Privates,Emotionales und Schambesetztes öffent-lich gemacht wird.#MeToo und#MeQueerhaben dies deutlich gemacht. Die Regen-bogenparade als massenhaftes Coming Outlässt sich in die Reihe öffentlicher Bekennt-nisse einfügen. Schon die Idee des ComingOut ist die einer Veröffentlichung von etwasEmotionalem, das aber gerade nicht mehrprivat und schambesetzt sein soll. Der Hin-tergrund ist ein psychohygienischer: DasIndividuum soll mit sich ins Reine kommenund ehrlich zu sich und seinem Umfeld sein.Zugleich ist die Sichtbarmachung sexuellerIdentität an ein politisches Konzept ge-heftet, das davon ausgeht, dass mit Sicht-barkeit die Selbstermächtigung der bislangUnsichtbaren verbunden ist. Das ist nichtfalsch, doch sind Coming Out und Sichtbar-werdung längst auch zu Normen erstarrt,die jene als Abweichende erscheinen lässt,die unsichtbar bleiben. Doch ist Unsichtbar-keit nicht auch Sicherheit stiftender Wert?In homofeindlichen autokratisch geführtenLändern allemal! Aber auch in der Mitte

spätmoderner

Bekenntnisgesellschaftensind längst nicht alle Lebenswelten vonOffenheit und Toleranz gekennzeichnet.In diesem Zusammenhang wird häufig vonMenschen mit> Hintergrund und fraktalerIdentität gesprochen, die sich Öffentlich-keit nicht erlauben könnten. Dies hat seineRichtigkeit doch man täusche sich nicht:Der> Hintergrund kann ein arabischer undmuslimischer sein. Genau so gut aber auchein wienerischer und katholischer!

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Dass die Regenbogenparade dieLGBTIQ*-Community abbildet, ist ein Trug-schluss: Auch jene, die der Parade fernblei-ben, sind Teil der Gemeinschaft. Auch dieAnnahme, dass alle Paradenteilnehmendenimmer sichtbar wären, ist falsch, weil sichunter die extrovertiert geouteten stets auchsemi- geoutete Menschen verschiedensterHintergründe mischen. In einem sozialen Zu-sammenhang( unter Freund* innen) geoutet,im anderen( Familie,> Hintergrund<) unauffäl-lig, nehmen solche Menschen diskret an derParade teil und entwickeln dabei Strategiender Unsichtbarkeit in höchst sichtbaremKontext. Wichtig sei dabei nicht nur, wie mirerklärt wurde, selbst auf auffällige Kostümie-rung zu verzichten, sondern auch jene Um-felder zu meiden, die Blicke und Kameras aufsich ziehen.

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