Vorwort
Visions of Pride
Peter F.N. Hörz, Matthias BeitlWien, im Mai 2020
Die schlechte Nachricht: Die Regenbogenparade 2020ist abgesagt. Die gute Nachricht: Auch COVID- 19 hin-dert uns nicht, über die Parade als soziale Praxis unddie Idee von Gay Pride nachzudenken! 2019 haben sich21 Studierende am Institut für Europäische Ethnologieder Universität Wien solche Gedanken gemacht. Unterder Leitung von Peter Hörz haben sie kulturwissen-schaftliche Fragen an die Regenbogenparade gestellt.Sie haben an der EuroPride teilgenommen, beobachtetund mit Teilnehmer* innen gesprochen. Einige der Ge-danken und Analysen, die sich in gebotener Kürze ver-mitteln lassen, sollen interessierten Leser* innen vor-gestellt werden. Dass dies in einer» Augustin<<- Beilagegeschieht, die vom Volkskundemuseum Wien herausge-geben wird liegt darin begründet, dass sich das Museumselbst als ein politischer Ort begreift. Es geht um dieSichtbarkeit von Menschen, ihre Handlungen und darausresultierende gesellschaftliche Prozesse. Die über demMuseumseingang seit dem Jahr 2016 gehisste Regen-bogenflagge ist damit gleichermaßen Blickfang, Solida-ritätsbekundung und programmatische Ankündigung.Zugleich ist diese Beilage Produkt einer Zusammen-arbeit zwischen Museum, Universitätsinstitut undQWIEN Zentrum für queere Geschichte, das immerwieder auch zeitgeschichtliche Fragen in den Blicknimmt. Und mehr noch: Diese Beilage steht für einenAnsatz universitärer Lehre, der Studierende nicht nurals mit Wissen abzufüllende Gefäße begreift, sondernals aktive Protagonist* innen einer Wissenschaft, diesich reflexiv mit der alltäglichen Lebenswelt auseinan-dersetzt und mit ihren Produkten an gesellschaftlichenDiskursen teilnimmt. Deshalb haben hier vor allem Stu-dierende das Wort.
-
Und wer weiß: vielleicht können wir nächstes Jahrzu dieser Zeit auch wieder mit Veranstaltungen nachdraußen gehen.
IMPRESSUM
Eine Beilage der Straßenzeitung AUGUSTIN,
Ausgabe 507, Juni 2020
Herausgeber:
Österreichisches Museum für VolkskundeLaudongasse 15-19, 1080 Wien
www.volkskundemuseum.at
In Kooperation mit:
Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wienund
QWIEN- Zentrum für queere Geschichte
Redaktion: Peter F. N. Hörz
Fotos: Peter F. N. Hörz, Lorenzo Vianini
Bei den Autor* innen
Grafik: Matthias Klos
Gay Pride
-
eine Erfolgsgeschichte
Peter F. N. Hörz
Als Events, die zugleich karnevaleske Partys und politi-sche Kundgebungen sind, stehen Gay Prides wie die Re-genbogenparade für das, was in der Soziologie aktuellunter dem Stichwort» Vergnügter Protest<< verhandeltwird. In ihrer Entstehungsgeschichte innerhalb der> Be-wegung< umstritten, sind die Paraden heute Fixpunkte inden Terminkalendern von Menschen, die sich als Teil derLGBTIQ*-Community 1 verstehen oder dieser naheste-hen. Und dies sind durchaus viele: Die meisten Paradenmelden jährlich neue Besucher* innenrekorde.
Ungeachtet dieser Erfolgsgeschichte sind Pridesimmer wieder in die Kritik geraten: Bemängelt wird, dasses sich um kommerzialisierte Spaßveranstaltungen hand-le. Kritisiert wird, dass die Paraden, die sich historisch aufdie eruptiv- gewalttätigen New Yorker Stonewall riots von1969 berufen, ihren politischen Biss verlören. Kritisiertwird auch, dass einige besonders starke Gruppen, etwadie der schwulen Männer, Inhalte und Formen der Pa-raden bestimmten, wohingegen kleinere Gruppen- z.B.Transpersonen oder Intersexuelle- unzureichend reprä-sentiert würden.
Spätestens seit die Philosophin Judith Butler 2010auf der Berliner Pride die Annahme einer ihr zugedachtenAuszeichnung verweigert und die Bühne für eine Kritik ander Veranstaltung und Veranstalter* innen genutzt hat,sind weitere Kritikpunkte hinzugekommen: Die Absenzoder Unsichtbarkeit migrantischer Gruppen und die Isla-mophobie von Teilen der Community.
Diese Kritik wird in den letzten Jahren verstärkt dis-kutiert, und diese Diskussion ist ebenso sinnvoll wie jeneüber die politischen Zielsetzungen einer Bewegung, diegerade ein zentrales Ziel( Eherecht) erreicht hat. Wennaber pauschal Entpolitisierung und Verspaßung der Pri-des beklagt werden, so ist dies nur bedingt berechtigt,denn: Ist nicht bereits die temporäre Inbesitznahme derRingstraße von einer Menschenmenge, die sich zu etwasbekennt, ein machtvoller politischer Akt? Und gilt diesnicht auch dann, wenn die Menge tanzt, Musik abspielt,und sich selbst feiert?
Seit den Riots, die Zeitzeug* innen zufolge- be-reits ironisch- spaßige Elemente erkennen ließen, spätes-tens aber seit der ersten> regulären< New Yorker Parade,die zum ersten Jahrestag der Riots organisiert wurde undvon Ironie, Sarkasmus und erotisierten Zeigegesten ge-kennzeichnet war, erbringen Prides immer wieder denBeleg dafür, dass Politik und Spaß, karnevaleskes Treibenund Protest, nicht notwendigerweise gegensätzlichenSphären zuzuordnen sind.
1 LGBTIQ*: Die Buchstaben stehen für lesbian, gay, bisexual,transgender, intersexual und queer. Das Sternchen stehtfür weitere Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientie-rungen. Der Begriff › Community< verweist darauf, dass eszwischen den einzelnen Gruppen Beziehungen und Allian-zen gibt. Die Vorstellung einer homogenen Gemeinschaftwäre indessen verfehlt.