Aber während das Barock und Rokoko faſt keinerlei Spuren in unſeren Stickereien zurückließen,haben sich die Einflüsse der uns umwohnenden Völker darin Geltung verschafft. So finden sich in densiebenbürgisch sächsischen Leinenstickereien neben den deutschen Ornamenten und mit diesen verbunden nichtbloß Muster orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Ursprungs, die teilweise den ehemals auf dem Sachsenboden weit verbreitetenorientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Teppichen( Nr. 69), teils direkt türkischen Stickereien( Nr. 66, 72, 73) entstammen, sondernauch solche ungarischer( z. B. 14, 15, 24, 28) und slavischer( z. B. 31, 33, 37) Abstammung. Diese Variationenbieten eine reiche und köstliche Fundgrube ästhetischer Anregung! Sie bilden sozusagen einen eignen siebenbürgischen Stil.
Wie nun diese fremden Motive in die deutsche Ornamentik Aufnahme gefunden, ebenso gab diesereichlich ihre Muster an die Nachbarvölker ab, so daß in der ungarischen, romänischen und slavischenVolkskunst sich deutsche Muster vielfach nachweiſen laſſen.
Da zwischen den einzelnen Bauen des ehemaligen Sachsenbodens stets lebhafte Verbindungen bestanden, ist es natürlich, daß die einzelnen Muster die weiteste Verbreitung fanden und nur verhältnismäßigwenige sind auf bestimmte Bezirke beschränkt. So findet sich Nr. 36, 39, 67, 69 nur im Nösner Bau,Nr. 51, 52, 55, 58, 60 nur im Burgenland; aber diese Spezialmufter bilden in der reichen Fülle unsererStickereimotive doch nur die Ausnahmen.
Mit dem im letzten Viertel des XIX. Jahrhunderts erlöschenden Interesse der sächſiſchen Baners-frau an diesen schönen Erzeugnissen ihres Hausfleißes gingen auch die Namen der Mufter wenigstensteilweise verloren. Wohl werden Muster wie Nr. 67 als„ Traube", Nr. 3, 61 als Vogel, Nr. 22 als Blumenbezeichnet, dagegen ist z. B. der Name der Muster Nr. 5, 13, 20, 34, 49 schon nicht mehr bekannt. Andererseitslassen sich zu alten Namen, die in Urkunden erhalten, die Muster nicht mehr nachweisen. So wird z. B.in einer Teilungsurkunde aus dem Jahre 1659 in Neudorf( bei Hermannstadt) ein„ Fleßen DreichthuchFlachsenes Handtuch) rothbencht mit der Schneiderscher" erwähnt; dieses Muster„ Schneiderscheer" istjedoch in Neudorf und in dessen Umgebung schon ganz unbekannt, obgleich es gewiß ein beliebtes Musterwar, da es in dem betreffenden Teilungsinſtrument wiederholt angeführt wird. In der Faltenſtickerei aber,die uns sehr alte Ornamente aufbewahrt hat, haben sich auch die alten Namen, wie„ Pfirsichern“,„ Feuereisen",„ Tischsuẞ“,„ Wasserflüssig“ usw., deren Deutung an die Phantasie des Beschauers große Auforderungen stellen, noch erhalten.
Die alten Leinenstickereien find vorherrschend im Kreuz und Zopfftich ausgeführt. Der Krenzſtichist die einzig richtige und naturgemäße Verzierungsweise für Stoffe, bei denen das quadratische Korn desFadens eine Rolle spielt. Die in Kreuzstich ausgeführten Muster können auf Naturwahrheit keinen Ansprucherheben, sie müssen ſtiliſiert die Natur wiedergeben. In den uns erhaltenen siebenbürgiſch ſächſiſchenLeinenstickereien wird man nun alle jene Regeln, die von Material und Technik vorgeschrieben werden,berücksichtigt finden, denn diese Ornamente sind immer der Technik und dem Material genau angepaßt.
In Kreuzstich ist meist die Umrandung des Muſters gestickt, wogegen die größeren Füllungen desselben im Zopfstich ausgeführt sind. Aber neben dieſen kommen auch andere Sticharten vor, so der Kästchenstich( Holbeintechnik), in dem eine jetzt im Schäßburger Muſeum befindliche Bettdecke aus dem Jahre 1591 gearbeitet ist; dann der Plattstich, der im XVII. Jahrhundert nachweisbar. Auch in der kunstvollen Turchbrucharbeit punto tirato) weiß die sächsische Bäuerin Bescheid; damit schmückt sie vornehmlich Männerhemden und ihre Feiertagsschürzen. Immerhin haben bei den alten Bauernſtickereien der Kreuz- und Zopfftichdas Uebergewicht und ist daher in diesem Werke auch nur auf diese Rücksicht genommen. Erst in der zweitenHälfte des verflossenen Jahrhunderts hat in der Bistrißer Gegend der Plattstich, nicht zum Vorteil derStickereien, überhandgenommen.
Den Stoff zu den Stickereien bildete das handgewebene Leinen, das mit seinen runden Fädenund seiner gelblichen Färbung stets einen idealen Stickgrund abgegeben hat. Als Stickmaterial kam vorherrschendGarn, seltener Seide in Verwendung. Der Waschbarkeit wegen wurden nur echte Farben, meist rot oderblau, selten gelb und grün benüßt. Das schwarze Garn war stets sehr unhaltbar und findet sich daher inältern Stickereien nicht vor, doch scheint seit dem XVIII. Jahrhundert das schwarze Garn und die schwarzeWolle, insbesondere bei den um jene Zeit eingewanderten sogenannten Landlern, sehr beliebt geworden zujein. Im Nösnergau kommt auch bei Leibwäsche häufig Stickerei in schwarz und gelber Farbe, im Unterwaldin gelbem Garn oder Seide vor. Ebenfalls im Unterwald war mehrfarbig bestickte Bettwäsche( z. B. Nr. 70)chemals sehr beliebt. Bemerkenswert ist hier noch, daß die schwarze Farbe in den siebenbürgisch- sächsischenLeinenstickereien nur allein oder in Verbindung mit Gelb, nicht aber mit anderen Farben vorkommt.