Vorwort.
Das k. k. Museum für österreichische Volkskunde in Wien enthältunter seinen zahlreichen ethnographischen Gegenständen recht viele, die aufdie Hochzeitsbräuche der slawischen Volksstämme Österreichs Bezug haben.Es lag daher der Wunsch nahe, in einer der Beilagen zu der vom Vereinfür österreichische Volkskunde unter der Redaktion des Herrn DirektorsDr. Mich. Haberlandt herausgegebenen Zeitschrift auch den Gegenstand be-handelt zu sehen, der sich mit der besagten Frage, nämlich den slawischenHochzeitsbräuchen, näher befaßt. Die vorliegende Schrift erfüllt diesen lebhaftgefühlten Wunsch. Sie bildet gleichsam einen Wegweiser zu verschiedenenObjekten unserer ethnographischen Sammlung, bietet einen erklärenden Text,in welchem die Hochzeit bei den slawischen Volksstämmen in ihrer buntenMannigfaltigkeit geschildert wird. Aus naheliegenden Gründen konnte sichder Verfasser nicht auf die in der Monarchie vertretenen Slawen, die dennächsten Zweck des Museums bilden, beschränken; er mußte, um sein Themamöglichst erschöpfend zu behandeln, in seiner Darstellung auf alle SlawenRücksicht nehmen, angefangen von dem Nordosten Europas( den Groß-,Klein- und Weißrussen) und im Halbkreise nach dem Nord- und Süd-westen( zu den Polen, Lausitzer Serben und Tschechen) dahinschreitend,dann über das zentrale Gebiet( der Slowaken Ungarns) zu den Südslawen( Slowenen, Kroaten, Serben) heruntersteigend und mit südöstlichsten Slawen( den Bulgaren) abschließend. Eine schöne und dankenswerte, aber nichtleichte Aufgabe! Wer das Thema in diesem Umfange lösen will, hat keinegeringen Schwierigkeiten zu überwinden. Bekanntlich sind die Slawen inethnographischer Beziehung jetzt noch zum größeren Teil frisch und ur-wüchsig, sie wahren in ihrem Volkstum viele altertümlichen Züge, die nir-gends so pittoresk, so originell aussehen wie gerade in den sehr reich ent-wickelten Hochzeitsbräuchen. Diese bildeten seit jeher in der slawischenEthnographie, seitdem die romantische Stimmung des Endes des achtzehntenund der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dieses Forschungs-gebiet in Schwung brachte, den stärksten Anziehungspunkt und das Haupt-objekt der Beobachtung. In der Tat, man verstand unter der ethno-graphischen Schilderung des slawischen Volkslebens durch lange Zeit fastausschließlich die slawische Hochzeit als den vornehmlichsten, wichtigstenGegenstand der Beobachtung und Schilderung. Die natürliche Folge dieserBevorzugung und Konzentrierung der Hauptaufmerksamkeit auf die slawische