Druckschrift 
Tiroler Volkskunst : bäuerliche Architektur, Wohnräume, Getäfel, Mobilien, Geräte und Erinnerungszeichen
Entstehung
Innsbruck [ca. 1914]
Einzelbild herunterladen
 

Arbeiten aus verschiedenen Materialien, insbesonders Metallund Horn, repräsentieren die bäuerlichen Eßbestecke( Taf. L), welchean ihren Griffen in mannigfaltiger Weise durch Einlagen geziert find.

Die überall im Lande verbreiteten Gebrauchsgegenstände undSouveniers aus Ochfenhorn mit zierlichen Gravierungen, wie Löffel,Dofen und Haarnadeln( Taf. LI) find Heimarbeiten aus der Gegendvon Sterzing im Eifaktale.

Von keramischen Objekten find außer ordinärem Kochgeschirr,Tellern, Schüffeln und Krügen derzeit nur verhältnismäßig wenigeExemplare von künstlerischer Gestaltung anzutreffen, da deren Her-stellung zumeist aus dem 18. Jahrhundert datiert. Gut geformteFeldflaschen und Honigkrüge aus glafiertem Thon( Taf. LII) findErzeugniffe des Bozener Distriktes, desgleichen mehrfarbige Bauern-Majoliken tirolifcher Provenienz( Taf. LIV und LV] mit harter undgleichmäßiger Zinnglafur, welche der Mehrzahl nach im nons- undSulzberg anzutreffen find, stammen mutmaßlich gleich den obenerwähnten Majolika- Kachelöfen aus dem Dorfe Sfruz im nonsberg.

Die kleinen Tiroler Dorffried-

Erinnerungszeichen. höfe mit ihren Grabkreuzen

aus Holz und Schmiedeifen geben gleich den bäuerlichen Behaufungenund ihrem Inhalte intereffante Auffchlüffe über den Charakter derVolkskunft in diefem Lande.

Naturgemäß stammen die heute noch vorfindlichen hölzernenGrabkreuze der Mehrzahl nach aus neuerer Zeit und nur wenigehaben sich den Witterungseinflüffen zum Trobe noch aus der Mittedes 19. Jahrhunderts erhalten. Aus fchwachen Pfoften gezimmertoder aus Brettern geschnitten erinnert ihre Formgebung vielfach anden Empireftil und in einzelnen Beispielen auch an ältere Kunst-richtungen( Taf. LVI). Der Grundcharakter ihrer farbigen Ausstattungftimmt mit jenem an Möbeln und Geräten überein. Die besondersumrahmten bildlichen Darstellungen an den Kreuzungsstellen derBalken enthalten gewöhnlich Figuren in betender Stellung, die einnaiv und sorgfältig ausgeführtes Konterfei der Verstorbenen dar-ftellen, welchen das Erinnerungszeichen geweiht ift. Die Inschriftenfind entweder noch im Rahmen des Figurenbildes oder an anderenStellen der Kreuze angebracht, häufig bereichert durch Verfe, welchean fich intereffante Dokumente der Volkspoefie repräsentieren.

In den Dorffriedhöfen und auch außerhalb derfelben an ge-weihten Waldplähen finden sich Gruppen von Erinnerungszeichen,welche einer alten Volksfitte gemäß aus den fogenannten ,, Rech-brettern", auf welchen die Verstorbenen bis zu ihrer Beifetzungaufgebahrt waren, in mannigfach gestalteten Umriffen ausgefägtwurden. Diefe ,, Totenbretter", fowie die ,, Marterin"( Taf. LVII), welchlettere zum Gedächtnis an Verunglückte errichtet werden, enthaltenneben Namen, Stand, Alter und Todesart der Verstorbenen gewöhn-lich noch eine in Profa oder Verfen verzeichnete Mahnung zumGebete für das Seelenheil derfelben. Die dekorative Ausstattung der..Totenbretter" ift entweder farbig ähnlich jener der Grabkreuze,wie im Inntaler Gebiete oder fie beschränkt fich lediglich auf kurzein das Naturholz eingebrannte Inschriften an den unverzierten,, Rechbrettern", wie folche plankenartig gereiht im Lechtale anzu-treffen find.

Die aus Holz mit entsprechendem Farbenanftrich errichteten,, Marterin", welche an allen gangbaren Stellen im Gebirge verstreutvorkommen, enthalten nebst der auf den Unglücksfall bezüglichenInschrift auch eine bildliche Darstellung, welche denselben erläutert.Die Naivität des Dorfmalers( im Volksmunde ,, Tuifelemaler", d. i.Tafel- oder Bildermaler genannt) und feine mangelhafte Kenntnisder Perspektive, welche in folchen Bildern zum Ausdruck gelangen,kontrastieren zumeist seltsam mit den traurigen Veranlaffungen,welche zur Errichtung folcher Erinnerungzeichen führten.

Einen fehr beachtenswerten Schah deutsch- tirolifcher Volkskunstbilden die fchmiedeifernen Grabkreuze in zahlreichen Uarianten hin-fichtlich ihrer formalen und konftruktiven Befchaffenheit.( Taf. LVIII,LIX und LX).

Infolge der Dauerhaftigkeit des Materials haben sich solcheGrabkreuze, fowie auch die am Anfange einer Gräberreihe fituiertenschmiedeifernen Träger für Weihwafferkeffel an vielen Orten durchmehrere Jahrhunderte erhalten, weshalb fich an diefen Erinnerungs-zeichen mannigfache Anklänge an verchiedene Stilperioden erkennenlaffen. Das konstruktive Gerippe ift in der Regel angemeffen derGröße der Grabkreuze, welche nach der Höhendimenfion von zirka1 bis über 3 Meter variieren, aus starkem Stabeifen in der Formeines lateinischen Kreuzes gebildet, mit welchem, vornehmlich beiKreuzen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, fenkrecht zur Kreuz-ebene nach vorne gerichtet ein gefchmiedeter Träger zur Aufnahmedes kupfernen Weihwafferkeffels verbunden ist. Das die Kreuzstäbeumgebende Rankenwerk wird in den meisten Fällen aus Rundeifengebildet, deren Enden in Form von Blättern oder Blüten flach aus-gehämmert find, feltener aus schwachem Flacheifen. Der fenkrechteKreuzes ftamm ift gewöhnlich in einen niedrigen, nur felten behauenenoder profilierten Steinfockel eingelaffen und an feiner unteren Partiedurch Winden oder Torfieren belebt. Bei größeren Kreuzen ift derfelbeauch durch Stauchung oder Spaltung verstärkt und durch eine nachrückwärts gerichtete Eisenstrebe befestigt. Die schmiedeifernen Grab-kreuze aus dem 16. Jahrhundert befigen an ihren freien Endungenkunstvoll gearbeitete tulpenartige Blumen, deren Blätter, welche andas Stabende gefchweißt find, zuweilen gothifche Abfpitungen zeigen.Unterhalb derfelben finden sich bei den älteren Weihwafferkeffel-trägern gewöhnlich Fähnchen aus Eifenblech, welche ursprünglichwohl in den Farben der Ofterfahne bemalt waren. Bei Kreuzenaus der Rokokozeit tritt an Stelle diefes Symbols die im Umriffeaus Eifenblech gefchnittene, bemalte und vergoldete Figur des Er-löfers mit dem Ofterfähnchen am obersten Kreuzende( Taf. LX).

Das Ueberplatten und Vernieten fich kreuzender Stäbe und diehäufigere Anwendung von Bünden an den Berührungsstellen ver-drängte in späterer Zeit den vordem üblichen Augverband( Durch-dringung der Stäbe).

Die Infchrifttafeln folcher Grabkreuze bestehen entweder auseinfachen verschiedenartig geftalteten Eifenplatten oder aus verschließ-baren Kästchen, an deren Außenfeite zumeist eine Infchrift in Verfenund an der Innenfeite eine gemalte Darstellung religiöfen Inhaltsmit den Daten der Verstorbenen angebracht find. Schwarze Färbungdes Stabwerks mit Vergoldungen an Blättern und Bünden findetfich am häufigsten, feltener eine völlige Polychromierung oder Ver-goldung.