Pilger.
No. 1024(= 124). Mein Kind, wielang suchest du dan das Schäflein?
Jüngling.
No. 1025( 125). Ach von der Zeitan, das ich hab laufen Können, hat michmein Herr Vatter fort getriben, darum mußich mich kümerlich behelfen und biswillenmein Sticklein Brod bei guten Leiten umGotteswillen suchen und von der Zeit an,das ich aus meines Vatters Haus bin, habich oft Hunger und Durst, Hütz¹) und Költgeliten, hab missen Frie und spät umlaufen,manche Nacht auf der Harten Erden unterden blauen Himmel ligen missen.
Pilger.
No. 1026( 126). Hast du in so langerZeit dein Schäflein noch einmal angedrofenoder ferspürt
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Jüngling.
No. 1027( 127). ich hab es oftvon ferne ihrent 2) umlaufen gesehen, abersobalt das ungeratne Thier mich vermerkt,so spring es wie ein Bock darvon und willmeiner nicht erwarten und diese so wider-spenstige Untreue schneitet mir Wundenins Herz, weil das Schaf aus lauter Boßheitmich so lang herum dreibet und meinerspottet und daran eine Freude hat, das esmich also quelet, betriebet, doch wil ichnicht nach lassen, dem Bössen Tier nachzu säzen, bis es entlich von seiner Bosheitabstehe.
Pilger.
No. 1028( 128). Mein liebes Kind,was hast du aber darvon, ein so undreuesThir ist ja nicht werth, das man es einhalben Tag Suchen solte
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Jüngling.
No. 1029(= 129). Ich hab zwar nichtsdarvon und das verlohrene Schaf ist auchnicht werd, das ich so vil mehr anwendensol, die einzige Ursach ist meine Liebe undgütikeit, dan ich drage ein Herzliches mit-leiden mit ihm und förchte dessen ellentdenundergan, 3) dan nur einmahl ist es ver-lohren und, so ich es nicht finde, so ist esewig verlohren, weil ich dan Beser weis alsdas Schaf selbst, was das sei, ewig verlohren
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sein, darum werde ich nicht nachlassen zusuchen, bis ich das selbige gefunden hab,und sol es auch mein eigenes Leben kosten.
Pilger.
No. 1030( 130). Wie were es aber,wan dir das verlohrene Schaf in die Hent 4)lief, wollest du es auch wegen seiner Misse-that strafen-
Jüngling.
No. 1031( 131). Ja wohl strafen!Entgegen wolt ich im laufen, selbes um denHals fallen, freintlich kisen, 5) auf meineSchulter legen und zu meines Herrn VatterHof dragen und die ganze Hofstat zusammenberuffen und sprechen, Freut eich mit mir,ich hab das Saaf gefunden, das ver-lohren war.
No. 1032(=
Pilger.
132). O du Herz liebesKind, wie groß ist deine liebe gegen denarmen Schäflein, wan ein Hunt seinenHerrn so lang suchete, als du das Schäfleinsuchest, müste ja der Herr den Hunt lieben,won er schan von Eisen werre, wie fil merist das Schäflein schuldy, dich zu lieben,weil du es so lang und Mieselig 6) suchest.
Jüngling.
No. 1033(= 133). Ach lieber Freund, dusolst wisen, das ich das Schäflein so sehrliebe, das, wan ich es under ein Hert Wölffinden solte, so wolte ich mich hinein-wagen, wan mich schan diese gefressigenPestien zerreisen solten, ja wan ich hundertLeben Hett, so wolte selbig dargeben, dasSchäflein von dem ewigen Todt zu erretten.
Pilger.
No. 1034( 134). O du HerzgüldigesKind, für mitleiten 7) kan ich nicht mehrreden, der liebe Gott gibe, das du dasSchäflein bald findest, lebe wohl in denHerrn.
Jüngling.
No. 1035( 135). Ach mein lieberFreint, wan du mein Schäflein irgenz woantrefen solst, so sage ihm doch, wie ichso mühselig herumlaufe und es so schmerz-lich suche, darum soll es doch wieter
3) elenden Untergang.-
1) Hitz'. 2) irrend.-6) mühselig. 7) vor Mitleid.
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4) Hände.- 5) freundlich küssen.
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