206
Der sogenannte Hexen- oder Alpschuß wird auf den Alp zurückgeführtund kann wohl durch Übernachten im Freien und eine plötzlich eintretende Er-kältung, verbunden mit einem wirklichen Alptraum, entstehen.
Da die alten Griechen und Römer¹) oft im Freien übernachteten und dabeiZiegen- und Schaffelle als Decken benützten, so stellten sie sich die zottigenbockgestaltigen Gottheiten des Waldes als Ursachen des Alptraumes vor, so: denGott Pan, Satyren und Faune. Übrigens treten in der Antike auch beinahe alleanderen Götter in ursächlichem Zusammenhange mit dem Alptraum auf.
Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, wie sich die Schule Freudszur Frage des Alptraumes stellt. Da erfahren wir, daß E. Jones²), wie nicht anderszu erwarten, das ganze Phänomen auf die Sexualität zurückführt. Nach ihm entstehtder Alptraum aus einem zurückgedrängten sexuellen Wunsch, derwegen seiner Zugehörigkeit zum Gebiete des Inzests im Wach-zustande auf Hemmungen stößt. Der Inhalt des Traumes ist darum mitAngstvorstellungen erfüllt, weil es eben sich um verbotene Dinge handelt.Ich will mich lieber Börners viel einfacheren Darlegungen bezüg-lich der Entstehung des Alptraumes anschließen, um so mehr, als dieserForscher die Richtigkeit seiner Erklärungen durch das Experiment erhärtenkonnte. Hingegen will ich gern zugeben, daß die Vorstellungen, daß der Alp oderähnliche Wesen Menschenblut oder Milch saugen, wie auch E. Jones³) be-hauptet, auf sexuelle Wünsche perverser Natur zurückzuführen sind. Diese hinwieder-um können ganz gut durch die von Börner angeführte Lage des Menschen währenddes Alptraumes angeregt werden.
Daß der in ganz Europa im Mittelalter verbreitete Glaube an den Inkubusund die Inkubation, die Vorstellung des Vampyrs und des Werwolfes mitdem Alp in Zusammenhang zu bringen sind, will ich E. Jones) gern zugeben.Bedeutend gekünstelter und unwahrscheinlicher erscheint mir jedoch sein Versuch,zu beweisen, daß der Teufels- und Hexenglaube 5) auch dieser Quelle ent-
stammen.
Zu den von Laistner angegebenen Symptomen des Alptraumes fügtE. Jones) noch Ausbruch von kaltem Schweiß und Herzklopfen hinzu. Dasdürfte wohl richtig sein, denn es sind die Attribute hochgradiger Atemnot.
Einige bisher noch nicht erwähnte außereuropäische Gebiete für dasVorkommen des Alptraumes erfahren wir noch von E. Jones), indem er unsan der Hand von Quellen mitteilt, daß der Alp in Assyrien„ Ardat", in Tas-manien„ böser Geist", in Australien„ Mrart" und auf Borneo ,, Antu" heißt.Gespenster u. d gl. Es gibt nach Hovorka auf Sabbioncello dem Volks-glauben zufolge auch Gespenster, die die Leute besonders auf menschen-leeren Wegen belästigen. Um noch ein ganz entferntes Land zu nennen, in deman bestimmte Gespenster geglaubt wird, will ich Grönland herausgreifen.1) Wilhelm Heinrich Roscher, 1. c. S. 64, 66, 82.
2) Prof. Dr. E. Jones, Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalter-lichen Aberglaubens. Leipzig und Wien 1912. In den Schriften zur angewandten Seelenkunde von Prof.Sigm. Freud, S. 15, 16.
3) E. Jones, 1. c. S. 53, 69.
4) E. Jones, 1. c. Kap. III, IV, V.
5) E. Jones, 1. c. Kap. VII, VIII.
6) E. Jones, 1. c. S. 14.
7) E. Jones. 1. c. S. 17.