Druckschrift 
Versuch einer Psychologie der Volksmedizin und des Aberglaubens : eine ethnologische Studie
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

-

183

und in manchen Gebieten Asiens( Andrée) ¹) zu demselben Zwecke Donnerkeilebenützt. Hier obwaltet die Vorstellung, daß die Objekte von irgend einer Gottheitwährend des Donners geschleudert wurden. Die diesen Dingen anhaftende Machtdes höheren Wesens muß nun vor Blitzgefahr schützen. Sogenannte Alpen- undStalls egen finden sich reichlich in der Schweiz und in den Alpenländernüberhaupt. Es sind dies mit Gebeten bedruckte Papierstücke, die an der Eingangs-tür eines Alpenhauses oder an der Stalltür angebracht werden. Viel Derartiges,speziell aus Österreich, findet sich im k. k. Museum für österr. Volkskunde in Wien.Eine Kröte wird oft in den Bauernhäusern der Schweiz( St.) zu Schutz-zwecken gehalten und mit Milch gefüttert. Dieser Brauch ist nach Kf. auch in Deutsch-land heimisch. Er erklärt sich wohl dahin, daß die Kröte als Seelentier figuriert,und die Seele eines Verstorbenen auf diese Weise eine schützende Rolle spielt.Anderseits hält der deutsche Volksglaube die Kröte auch für unsterblichund mutet ihr Beziehungen zu elbischen Wesen zu. Häufig wird darum aucheine Kröte aus Wachs als Amulett getragen.

In ähnlichem Gebrauche stehen in vielen Ländern, so in Indien, aber auch inmanchen Gebieten Europas, die Schlangen. Wiederum werden auch sie alsSeelentiere gedeutet. Nach Lippert 2) hat die christliche Sekte der Ophitendie Schlange als heiliges Tier und als Verkörperung Christi betrachtet. Möglicher-weise greift der Schlangenkult in europäischen Gebieten auch auf diese Ver-stellungen zurück. Schlange und Kröte als Beschützerinnen menschlichen Eigen-tums auch hierin müssen wir religiöse Beziehungen erblicken.

Lippert³) macht auch die Beobachtung, daß ursprünglich nur ganzbestimmte Tiere mit der menschlichen Seele in Zusammenhang gebracht wurden,späterhin aber alle jene Individuen unter den Tieren, die in irgend einem Fallein besonders auffallendes Benehmen an den Tag legen, also: Gesetzder Verallgemeinerung: Was zuerst bloß für einzelne Fälle galt, wird auf dieAllgemeinheit übertragen.

Totenknochen schützen in der Schweiz( St.) sowie auch im Egerlande( Kf.) vor Kleiderläusen. Ein Wollbändchen, das einen Tag unter dem Kopfeines Toten lag, wird in der Schweiz( St.) in demselben Sinne verwendet. Hierkann der Glaube an die Macht der mit dem zauberischen Objekt in Zusammen-hang gebrachte Seele des Verstorbenen die Ursache der Sitte sein, auch hierreligiöse Beziehungen.

Das Bannen der Wespen durch bestimmte Sprüche in der Schweiz istmöglicherweise auch auf den Glauben zurückzuführen, daß diese Tiere die Seeleeines Toten bergen. Um so mehr ist dies anzunehmen, als die betreffenden Sprücheso lauten, daß man nur vernunftbegabte Wesen damit in die Flucht schlagen könnte:,, Wispeli, Wäspeli,

oder:

1) Andrée, 1. c. S. 30-41.

Gang i dis Nästli"

Wispi, Wäspi, i b'schwör di,Bist des Tüfels, so wehr di,Oder i tue di uf en Gaisbock,Daß flügst höch i d'Luft"

2) J. Lippert, Christentum, Volksglaube und Volksbrauch. Berlin 1882. S. 65, 233, 491 ff.3) J. Lippert, 1. c. S. 503.