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Versuch einer Psychologie der Volksmedizin und des Aberglaubens : eine ethnologische Studie
Entstehung
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auch diese Erscheinung, glaube ich, unter die Rubrik Schuhopfer einbeziehen. DieNeuheit wäre dann nur eine lokale Modifikation. So hätten wir dann alsUrgrund des Vorkommnisses religiöse Beziehungen. Es mag sich ja sehr wohlin der Schweiz um einen Anklang an die erwähnte altgermanische Sittehandeln.

Wenn das von einem Kapuzinerkloster in der Schweiz( St.) verkaufteSkapulier dem Träger Keuschheit und Schutz vor üblen Begierdenbringen soll, so sehen wir wieder die Suggestion am Werke. Sie bestehtsicherlich in den bei Verkauf des Objekts von dem betreffenden Kapuziner ge-sprochenen Worten.

b) Heilung von Krankheiten.

Schneckenzähne, nach St. die Reibeplatten der Weinbergschnecke, nachKf. deren Fühler, werden in der Schweiz in ein Säckchen genäht und dem Kindum den Hals gehängt, in Niederösterreich als Fraisen mittel an der Frais-kette getragen( Kf.). Da der Gebrauch meines Wissens nur in deutschenGegenden zu Hause ist, so werden wir ihn mit Recht auf die Ähnlichkeit derWorte Zahn und Schneckenzahn zurückführen( Etymologie), um so mehr,als wir wissen, daß es Zahnfraisen gibt. Die Anwendung für Fraisen über-haupt entspricht wieder dem Gesetze der Verallgemeinerung.

Die Schäretape", d. i. die Maulwurfskralle, wird in der Schweiz alsMittel für das Zahnen gebraucht( St.). Der Maulwurf wird in Brandenburg( Kf.), an einer Schnur um den Hals hängend, als Mittel gegen Zahnweh benützt. DieMaus wird beinahe bei allen Völkern in Beziehung zu den Zähnen gebracht( Kf.).Ploß und Renz¹) erwähnen, daß das Zahnen der Kinder bei vielen Völkern mitGebräuchen verbunden ist, die sich an die Maus, die Ratte, manchmal auch anden Maulwurf wenden. Die Autoren lassen es dabei unentschieden, ob essich um eine gewünschte Übertragung von tierischen Eigenschaften, einePersonifizierung von Naturkräften oder um das handelt, was ichSymbolismus nenne. Bei den alten Indogermanen wurden auf dem Herdeden Manen in Mausgestalt die ersten Zähne der Kinder geopfert. Ebensogeschieht es noch heute bei den Armeniern. In vielen Teilen Deutschlandsund Rußlands und bei den Tschechen in Böhmen tragen die zahnenden Kindereinen abgebissenen Mauskopf am Leibe. In der Schweiz und in Tirol wirft man derMaus einen ausgefallenen Kinderzahn mit den Worten zu: Maus, da hast einenalten Zahn, gib mir bald einen neuen" u. dgl. Ähnliche Sprüche haben die süd-russischen Juden und die Maroniten im Libanon. Im nordamerikanischenStaate Karolina unterweisen die Neger Glossar ::: zum Glossareintrag  Neger die Kinder darin, den Ratten ihreZähne vorzuwerfen mit der Bitte um neue von seiten der Tiere. Die Maoris inNeuseeland wünschen sich die Zähne der Ratte. Im alten Mexiko wurdendie Wechselzähne in ein Mausloch gelegt. In Thüringen wird zahnenden Kinderneine Maulwurfspfote um den Hals gehängt.

Von allen Erklärungen dieser Erscheinungen scheint mir die des Symbolismusdie ungezwungenste zu sein. Für Ratte und Maus dürfte der Gedankengang: Mögemein Zahn so gut und schön werden wie der des Tieres", maßgebend gewesen sein.Hinsichtlich des Maulwurfs mag sich der Naturmensch gewünscht haben: Wie sich

1) Ploß und Renz, Das Kind in Brauch und Sitte der Völker. 2 Bände. Leipzig 1912. 2. Band,s. Kap. Das Zahnen, S. 52 ff.