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Versuch einer Psychologie der Volksmedizin und des Aberglaubens : eine ethnologische Studie
Entstehung
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Wirkungsweise ergibt sich aus der Lebensgeschichte des betreffendenHeiligen. Freilich dienen diese Skapuliere nicht bloß dem Schutze vor Krankheiten,sondern auch dem Schutze des persönlichen Eigentums und auch der Heilung vonKrankheiten. Wiederum sehen wir das Gesetz der Verallgemeinerung amWerke.

So bespricht. St. die St. Antonius- Statuette, die wir wegen ihrer Ver-wendung trotz äußerer Diskordanz zu den Skapulieren rechnen wollen. Der Legendezufolge entwendete im Kloster des Heiligen ein Mönch ein Gesangbuch. Er fühltedarüber Reue und nachdem er zum Heiligen gebetet hatte, brachte er das gestohleneGut zurück. Darum wird die Statuette behufs Auffindung gestohlener oderverlorener Gegenstände angerufen. Kerler¹) gibt noch eine andere Erklärungfür das Patronat des Heiligen über verlorene Gegenstände: Antonius stammte ausPadua, welches auf altitalienisch Pava" hieß. Auf altfranzösisch haben espaves"Mobilien bedeutet, deren Eigentümer nicht ermittelt werden konnte. Hier wäre alsowieder die Etymologie im Spiele. Wenn wir sehen, daß der heilige Antonius aberauch zur Förderung der alltäglichen Wünsche der Menschen in Aktion tritt, so habenwir da wieder das Gesetz der Verallgemeinerung angewendet. Die Volks-seele denkt nämlich:" Wenn mir der Heilige zu verlorenen Gegenständen verhelfenkann, so muß er auch meine sonstigen Wünsche begünstigen können." Viele andereFunktionen des Heiligen, beispielsweise die Beschützung der Frauen, erklären sichaus seiner Lebensgeschichte( s. Kerler) 2). Wie es in der Natur der Sache liegt,wird der heilige Antonius nicht nur in der Schweiz, sondern in sämtlichenkatholischen Ländern verehrt. Besonders von Bayern wissen wir von Höfler³),daẞ Antonius dort bei den verschiedensten Angelegenheiten angerufen wird.

Ganz interessant ist die in der Schweiz in einer Familie von St. beobachteteSitte, der Leiche als Schutzmaßregel neue Schuhe mit in das Grab zugeben. Damit kommt, dem Volksglauben zufolge, die Seele leichter ins Himmelreich,d. h. sie wird auf ihrem Wege zwischen Himmel und Erde auf diese Weise vorGefahren geschützt. Das psychologische Motiv ist hier die Suggestion, die aufdie Nachkommen durch einen diesbezüglichen Ausspruch eines Vorfahren geübtwurde. Pietät gegen die Altvordern und Leichtgläubigkeit des Volkes haben dieseSuggestion erst ermöglicht. Dies ist wenigstens St.'s Erklärung. Es ist aber auchmöglich, daß wir es hier mit etwas ähnlichem wie dem sogenannten Schuhopferzu tun haben. Bei den alten Germanen, bei den Griechen und Kelten, beivielen Negerstämmen Glossar ::: zum Glossareintrag  Negerstämmen in Westafrika, bei den Todas in Indien ist es undwar es Sitte, den Toten ein Paar Schuhe ins Grab zu legen. Nach Samter 4)ist dieser Brauch als ein Opfer an die gefürchtete Seele des Verstorbenen, vonder ja von allen Naturvölkern Glossar ::: zum Glossareintrag  Naturvölkern behauptet wird, daß sie gern die Überlebenden insTotenreich mitnehme, zu betrachten. Das Schuhopfer selbst ist wieder als ausdem bei manchen Stämmen üblichen Kleideropfer hervorgegangen zu deuten.Ähnliches findet sich auch bei Hochzeiten. In Konstantinopel wird ein Schuhals Schutz vor dem bösen Blick im Haus aufbewahrt. In unserem Fall ist nur dieNeuheit des Objekts eine auffallende Hinzufügung. Gleichwohl sollte man

1) D. H. Kerler, Die Patronate der Heiligen. Ulm 1905. S. Antonius von Padua.

2) D. H. Kerler, 1. c.

3) Höfler, Kalenderheilige als Krankheitspatrone beim bayrischen Volk. In der Zeitschr. d. Ver.

f. Volksk. Berlin 1891.

4) Ernst Samter, Geburt, Hochzeit und Tod. Leipzig und Berlin 1911. Kap. XVIII.