19
auf den Fastenbrezeln haben wir in der oben erwähnten Abhandlungüber das Brezelgebäck, S. 97, schon gesprochen. Die Brezeln sindein durch die Klöster eingeführtes Trauergebäck( Entsagungsopfer),welches den Totenarmring( bracelet) substituiert. In der böhmischenBunzlauer Gegend backt man am Karfreitag die sogenannten Judasse( jidáše), welche die Form eines gedrehten Strickes oder einer ge-wundenen Stange haben, also ebenfalls unter die Brezelarten gehören( Abbildung siehe Arch. f. Anthropol., III, Fig. 26); volksetymologischist es natürlich das Symbol des Strickes, mit dem sich Judas erhängte.In der böhmischen Raudnitzer Gegend ist der» Judas« gewöhnlicheine böhmische Talken( kleiner glitschriger Knollen) mit Honig( s. o.)beträufelt( Česky Lid, XIV, 146); sonst wird auch ein ringförmiger,flacher Judaskuchen in Böhmen» Judas« genannt. Vorwiegend sindsonst diese( meist böhmischen) Judasgebäcke auf den Karsamstagbeschränkt. Über den» Judaswecken«, ein Gebäck der böhmischenKarwoche, werden wir weiter unten noch sprechen; jedenfalls erhelltauch hierbei der christliche Charakter dieses Karfreitagbrotes, dasaus der Bibellegende seinen Namen erhielt.
Der Karsamstag( oaßßatov aytov, Dies vigiliarum,*) Nox an-gelica) heißt: Hoher Samstag, Taufsamstag, Judassamstag( J. P. Schmidt, Fastelabends-gebräuche, 37), Schulsamstag( Österreich); in Elsaß: stiller Samstag; in Westfalen:Paschabend; bei den Angelsachsen easter- defen, Osterabend; sonst im Norden und beiden Russen der große oder stille Sonnabend; Marter- Sonnabend; franz. Samedi Saint,Grand Samedy; bei den Russen auch Färber- Sonnabend( wegen des Färbens der Ostereier);engl. Shitten oder Shutin Saturday( Grabschluß; Hazlitt, l. c. II, 543); ostfries. HusenbusenSaterdag( Hausbesen Sabbattag, Reinigungstag). Bemerkenswertester volksüblicher undkirchlicher Ostersamstagbrauch ist die Urfeuerbereitung, novus ignis de lapide excussus,Judasfeuer( Frühjahrsfeuer). Nach der Taufwasserweihe am Ostersamstag begann ehemalsein neues( jüdisch- christliches) Neujahr; bei dessen Beginn geht nur in Obersteier, wiesonst an anderen Orten am modernen Neujahr die wilde Jagd um( Weinhold, DeutscheWeihnachtslieder, 14).
Manche Volksgebräuche des folgenden Ostertages werden daund dort schon am Karsamstag antizipiert. Wenn zum Beispiel inRom das Haus vor Ostern blank gemacht ist, wird auch das Bettnoch mit weißen Linnen und Spitzen besonders geschmückt, derTisch am Abend( wie die Tabula fortunae auf Neujahr) gedeckt, mitBlumen bekränzt und Eier, Salami und Pinza( siehe Z. f. ö. V. K.1905, Suppl., S. 33), ein oben drei- bis vierfach in Kreuzform geteiltes,feines, eisattes Weißbrot, aufgetragen; dann kommt der Geistliche,segnet dies Ostermahl und besprengt alles im Hause mit Weihwasser.In Böhmen spritzt man am Karsamstag den Honig( s. o. S. 7), derbei der Bereitung des süßen Ostergebäckes übrig geblieben ist, mit
*) Die nächtlichen Gottesdienste vor Ostern sind heidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag heidnischen Ursprungs. Man begingsie hauptsächlich zu Ehren der chthonischen Gottheiten, da sich die Nacht( vergl. Weih-nacht, Rauchnächte, Silvesternacht) besonders zum Totenkult nach dem alten Glaubeneignete, daß sich die Totengeister oder Seelen besonders leicht in der Nacht einfinden( Lucius, Die Anfänge des Heiligenkults, 311).