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Zeit ihre Austern waschen, mit der Bürste reinigen und nachzählen. Damit nie-mand seine Nachbarn dieser kostbaren Tiere berauben könne, ist Tag undNacht ein Wächter da, der die Parke im Auge zu behalten hat. Eigentümlichist es, daß diese Muscheln ihr Leben nur dadurch äußern, daß sie von Zeit zuZeit einen Wasserstrahl von sich geben. Eine dieser Frauen sagte mir:„ Wenndie Auster das Maul aufmacht"- das heißt, wenn die beiden Schalen auseinandergeklappt sind ,, dann ist sie tot." Im April werden die jungen Austern vonden Männern weit draußen im Meer von ihren Bänken" geholt und in dieParke behufs weiterer Pflege gesezt. Viel Sorgfalt und Mühe wird dann be-sonders auf die Reinigung der Tiere verwendet, und das alles, um durch-schnittlich 40 Francs für 1000 Stück zu erzielen; das soll der gewöhnlichePreis, den die Pariser Händler zahlen, sein. So erklärt es sich, daß trotz derverhältnismäßig großen Preise, die der Konsument in Paris für diese Muschelnzahlt, die Leute in Cancale doch nur recht ärmlich leben können. Um so er-freulicher war es, die große Reinlichkeit in den Häusern der Leute zu beob-achten. Es fiel mir auf, wie viele Menschen man hier wie überall in derBretagne in Trauer gehen sah. Es ist eben ein ganz gewöhnliches Ereignis,daß irgendein männliches Familienmitglied ein Opfer der See wird, der essich ja wegen seines Fischer- oder Matrosenberufes anvertrauen muß. Es solldie Hälfte der Mannschaft der französischen Kriegsmarine aus Bretonen bestehen.
Einen Nachmittag brachte ich in dem von St. Malo mittels Dampfers inkaum einer Viertelstunde erreichbaren Dinard zu. Die Aussicht auf St. Malo,St. Servan und mehrere dem Ort vorgelagerte romantische Felseninseln ver-einigen sich dazu, um aus diesem Seebade sicherlich eines der landschaftlichschönsten, das man sich denken kann, zu machen.
Das ähnlich benannte Dinan, unweit von Dinard, hoch über derMündung der Rance in die See gelegen, bietet hingegen größtenteils den An-blick einer mittelalterlichen Stadt. Einzelne Wälle und Gräben und ein altesverfallenes Schloß sind noch sichtbar. Ein Denkmal von Bertrand du Guesclinerinnert hier wieder an die blutigen Kämpfe zwischen England und Frankreichim Mittelalter. Auf dem Plaze, wo jezt das Monument steht, kam Guesclinder durch die Engländer arg bedrängten Stadt um die Mitte des 14. Jahr-hunderts dadurch zu Hilfe, daß er den englischen Heerführer zum Zweikampfeforderte und von dem Ausgange desselben das Schicksal der Stadt abhängigmachte. Siegte der Franzose, so sollte Dinan gerettet sein, siegte der Engländer,so sollte es unter englische Herrschaft kommen. Das Schicksal entschied zugunstendes Franzosen und die Stadt war gerettet. Bertraud du Guesclin bewährte sichin vielen Kämpfen gegen die Engländer und wurde zum Danke dafür vomKönig zum„ Connetable" von Frankreich ernannt. Auch hier in Dinan wirdein altes Haus gezeigt, in dem Bertrand du Guesclin gewohnt haben soll.
Einen ganz originellen Anblick kann man in Rothéneuf, einem 1/2 StundeDampftramwayfahrt von St. Malo entfernten Örtchen, genießen. Ein hier ein-sam lebender Geistlicher hat in die Felsen der Küste Figuren gemeißelt. Wirsehen Drachen gegen die Ritter kämpfen, ferner zumeist Gestalten aus der heiligenSchrift abgebildet. Einzelne dieser Formen waren durch die Natur schon sogut angedeutet, daß es bloß einiger Meißelschläge bedurfte, um den vomKünstler gewünschten Zweck zu erreichen. Unter dem Namen„ les rocherssculptés de Rothéneuf" fennt man diese absonderlichen Kunstwerke in derUmgebung von St. Malo.