Druckschrift 
Erinnerungen aus der Bretagne
Einzelbild herunterladen
 

6

ihrer reizlosen Umgebung kontrastiert und so unvermittelt aus ihr plötzlichemporragt. Was Wunder, daß Engländer, Normannen und Bretonen um denBesitz dieses Fleckchens Erde in vergangenen Jahrhunderten gekämpft haben?Im 8. Jahrhundert soll die Abtei von einem Mönch, nachdem er eine Visiondes heiligen Michael gehabt hatte, diesem zu Ehren gegründet worden sein. Nachmannigfachen Änderungen, Zubauten und Zerstörungen durch Feuersbrünste imLaufe der Jahrhunderte nahm die Abtei ihre heutige Gestalt an. Tief unten,wo die Mauern zum Teil durch den Felsen gebildet werden, sehen wir finstereVerliese, in denen ganze Generationen von Gefangenen schmachteten. So unteranderen ein politischer Gegner Ludwigs XV., zu dessen Qual eigens ein eisernerKäfig gebaut ward, in dem er auch starb. Ursprünglich ein Kloster, späterEigentum verschiedener Herrscher, schließlich der französischen Könige, wurde derMont St. Michel wiederholt als Gefängnis benutzt, während der Bau jetzteinfach yom Staate erhalten und als historisches Denkmal den Fremden gezeigtwird. Über den Stätten menschlichen Jammers erblicken wir in ergreifendemGegensage große Prunkräume: Speise- und Empfangssäle der Mönche u. dgl.,alle die verschiedensten Formen der Gotik aufweisend. Auf der Spize des dieInsel bildenden Berges über die anderen Räumlichkeiten aufgebaut, findet sichdie Kirche und der Kreuzgang mit seinen herrlichen die verschiedensten Kapitäletragenden Säulen. Der ganze Bau besteht bloß aus behauenen Granitsteinen.Nach 1- bis 2stündiger Wanderung durch die mannigfaltigsten Gemächer hatwohl niemand die Empfindung der Langeweile, so abwechslungsreich sind diedem Auge gebotenen Bilder. Bei Hochflut soll der Mont St. Michel sich amschönsten ausnehmen, dann umspült ihn nämlich das Meer von allen Seitenund nur der Damm, der sich von Pontorson zur Insel hinzieht, bleibt wasser-frei. Wenn nun noch obendrein Vollmond ist, dann soll dieses Landschaftsbildan Reizen seinesgleichen suchen. All dies kenne ich leider nicht aus eigener An-schauung. Gegen das offene Meer zu hemmt das kleine Inselchen Tombelaineden Blick. Hier wohnte vor Jahren ein Sonderling, Marquis Tombelaine zu-benannt, halb Fischer, halb Bettler, einsam auf dem Felsennez hausend. Alser einst seinen gewöhnlichen Spaziergang nach Mont St. Michel machte, wurdeer von der rasch hinter ihm ansteigenden Flut in dem tiefen Sand in derUmgebung des Mont St. Michel überrascht, konnte nicht schleunig genug vor-wärts kommen und ward ein Opfer der nachstürmenden Wassermassen. EinMuseum, an einer Ecke der Umfassungsmauer von Mont St. Michel, kommtunserer Phantasie in angenehmer Weise zu Hilfe. Hier sehen wir alte Waffen,Truhen, Kanonenkugeln, Gebrauchsgegenstände aller Art, die in der Abtei ge-funden wurden und schließlich auch, in Wachs nachgebildet, viele der eingekerkertgewesenen Gefangenen.

Östlich von St. Malo liegt Cancale, an der Bai du Mont St. Michel.Eine ungefähr 1/ 2stündige Wagenfahrt brachte mich hierher. Von kleinenHügeln in der Nähe des Strandes hatte man nach Westen einen hübschen Blick,gegen St. Malo, nach Osten zu sah ich noch einmal den lieben Mont St. Michel.Viele hundert kleine Segelschiffe schaukelten draußen im offenen Meer und ander Küste war das Auge durch eingezäunte massenhaft nebeneinander gelegeneStellen im Wasser gefesselt: die hier so berühmten Austernparke. Während dieMänner dem Fischereihandwerk obliegen, widmen sich die Frauen der Pflegeder Austern. Diese sind aber mit den Parken nur zur Zeit der Ebbe sichtbar,während der Flut von Wasser bedeckt. Jede Eigentümerin muß von Zeit zu