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>> In der Zeit der freien Reichsstadt Reutlingen wurden die Bürgers-söhne, die sich verheiratet hatten, an dem Tage in das Stadtmilitäreingereiht. Aus diesem Anlaß fand im Schützenhause ein Scheibenschießenstatt, bei dem die Preise in Mutscheln bestanden. Die Leute, die sichnicht am Schießen beteiligten, gingen in die Bäckerläden und würfeltendort um Mutscheln. Seither hat sich der Brauch erhalten und von Jahrzu Jahr findet das Spiel um Mutscheln, die in jeder Größe gebackenwerden, von neuem statt. Auch dieses Jahr( 1905) wurde der Mutscheltagwieder bis zum frühen Morgen begangen, und mancher trug einen Rauschdavon, aber nicht von den Mutscheln, sondern von dem zur besserenVerdauung dazu genossenen Wein. H. L.«( S. Fig. 2.)
Die Beschreibung des OberamtesReutlingen( herausgeg. vom StatistischenLandesamt Stuttgart, 1893, S. 143 f.) sagt:» Das Erscheinungsfest heißt vielfach» dasÖberste<< oder der Sterntag. Am Abendvor demselben wird im Bezirk außerhalbReutlingen weißes Brot gebacken in derForm eines Sternes, dessen Zinken jedochhervorragender und deutlicher als die desMüllerkuchens die strahlende Sonne dar-stellen. In Reutlingen nennt man jenesBackwerk Mutscheln. Der Mutscheltagfällt aber erst auf den Donnerstag nachdem»> Öbersten«. Am Abend dieses Tagesverwandeln sich die Bäckerstuben in Wirtshäuser, in welchen es lebhaftzugeht: überall werden Mutscheln herausgewürfelt und Wein dazu ge-trunken. Wehe dem Ehemann, der an diesem Abend ohne Mutschel nachHause kehrt! Die Ehefrau rechnet so sicher darauf, daß sie für denfolgenden Tag das Frühstücksbrot abbestellt hat.<< Jedenfalls sollte dasMutschelgeschenk den Fruchtbarkeitswunsch symbolisieren.
Fig. 2. Reutlinger Mutschel( Oktogramm).
Mutschel ist hier so viel wie Mutz, über welches Gebäck wir untennoch besonders sprechen werden. Die Abbildung, welche Rochholz inIllustr. Ztg. 1868, S. 228( vor 40 Jahren) lieferte, stellt ein achteckigesSternpentagrammgebäck dar, das auf seiner Oberfläche mit einem doppeltgeflochtenen Teigkranze gekrönt ist, in dessen Mitte eine( volksetymo-logisch veranlaßte?) Teigmuschel( Schnecke) liegt. Da und dort ver-änderte die in ihrer obszönen Form nicht mehr erkannte Mutz( Fleck,Plätz) ihre ursprüngliche Rhombus- Veneris- Form und wurde ganz undgar der bildnerischen Bäckerlaune des Mutschenbäckers( Muschabeck,Mutschler) überlassen, der die Mutz oder Mutschel ganz verschieden formte.Der>> Motzen<<- oder» Mutzenbäcker« stellte sie zeitweise gewerbsmäßig alsFestgebäck her, wie der Meichelbäck die Michaelswecken. Es liegt sehrnahe, anzunehmen, daß die Reutlinger Mutschel ihre Pentagrammformdurch den voraufgegangenen heiligen Dreikönigstag erhalten hat, der als