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Feuilleton.
Das Gastrecht.
Von Maric Stona.
fagen, wie lange sie zu bleiben gedenken. Man würdenatürlich nichts von ihrer Abreise hören wollen, aber inner-Ech herzlich froh sein, wenn sie das Dunkel lüfteten, dasüber ihren Absichten schwebt. Sprechen sie nur von derFreude der Ankunft, dann tragen sie den Dolch im Gewande.Beim Anblick der Koffer eines Gastes unterlasse manSchlüsse auf die Dauer seines Aufenthaltes zu ziehen;es werden in den meisten Fällen Trugschlüsse. Ich habeGäste gekannt, die ohne Kamm und Zahnbürste, ohne denblasfesten Schatten eines Gepäcksstückes ankamen und ohnedringende Veranlassung sechs Tage blieben; andere, die mitSoffern einrückten, zu deren Ins- Zimmer- Beförderung dieabritsarbeiter aufgeboten werden mußten, und die dochmider Erwarten nach vier Wochen abreisten, da sich das Hausschon auf das schlimmste gefaßt gemacht hatte.
Im Alterthum übte man das Gastrecht in ganz hervores,ragender Weise, weil zu jener Zeit das Reisen eine Thatwar. Hätten die Griechen die Blitzüge gekannt, die denVerkehr mit Gästen auf eine unheimliche Weise erleichtern,sie würden vielleicht statt des Gastrechts das Hausrecht ein-geführt haben.
Ein Freund von mir faßt das Wort„ gastfrei" indem, wie er behauptet, einzig richtigen Sinne so auf, daßer sein Haus von Gästen frei hält. Das ist nun allerdings eine übertriebene Anschauung. Gäste gehören zu denAnnehmlichkeiten des Lebens, doch wie alle wahrhaften Ge-nüsse müssen sie homöopathisch genommen werden.
Man kann die Gäste in zwei Hauptgruppen eintheilen,von denen jede ihre besonderen Spielarten hat.
Es empfiehlt sich stets, dem Dauergast mehrere Bücherins Zimmer zu legen. Das macht sich decorativ sehr gutund hat in einzelnen Fällen die Macht, ihn für einigeStunden im Tage zu fesseln. Allerdings nur in seltenenFällen denn in der Regel will er nichts lesen, er willErste Gruppe: Der Fluggast. Dieser kommt zu sch blos unterhalten. Hier muß ich die liebenswürdige deutschemeist in Städten vor; auf dem Lande erscheint er freisprache corrigiren. Ein Dauergast unterhält sich nie. Ermillig nur in angenehmen Jahreszeiten; gerufen auch im muß immer unterhalten werden.Winter bei besonderen Anlässen, Hochzeiten, Jagden, Taufen,Berlobungen und dergleichen Festen, auf denen er eineFreudenstimmung zu erzeugen hat. Er wirkt stets überausbelebend, ist immer bei vorzüglicher Laune, von Allem ent-zückt. Was ihm mißfällt, vergißt er sogleich. Es fällt ihmerst wieder ein, wenn er von der nächsten Hausfrau danachgefragt wird. Ist er flug, dann verschweigt er es.
Zu den Fluggästen gehören alle liebenswürdigenMenschen, die gesellschaftliche Verpflichtungen haben.
Der Fluggast ist immer willkommen. Die Flüchtigkeitseines Auftretens verleiht ihm einen unbeschreiblichen Reiz.Verlängert er seinen Aufenthalt über den siebenten Tag,dann tritt er in die zweite Hauptgruppe ein.
Zweite Gruppe: Der Dauerg a st. Dem Dauer-gast begegnet man fast ausschließlich auf dem Lande,jedoch nur in der warmen Jahreszeit. Im Winter meidetauch er die Ländlichkeit.
Fluggast fann man aus Freundschaft werden; Dauergast wird man nur aus Egoismus. Daher sind Dauergästeimmer gefährlich. Am gefährlichsten sind jene, die bei ihremEintreffen, wenn man sie vom Bahnhofe abholt, nich
Man thut gut, die Dauergäste in zwei Kategorien ein-zutheilen: in solche, die zu ihrer Erholung, und solche, diezu unserm Vergnügen da sind. Mit den Letzteren mögeman sich in den ersten Tagen auf jede mögliche Weisemüſiren, denn das Vergnügen hört ohnehin nach achtagen auf. Die Erholungsgäste überlasse man gleich ihrerErholung. Für die ist nichts gesünder, als wenn sie sichlangweilen. Sie kommen zwar dadurch zu enormem Appetitaber der läßt sich auf dem Lande durch junge Hühnerund junges Gemüse so leicht stillen.
Es ist nicht ungünstig, manchmal schwere Speisen zubringen, an denen der Erholungsgast sich ein wenig denMagen verdirbt; das bedeutet dann für Köchin und Hans-frau eine Erholung.
Die Dauergäste zerfallen in zahlreiche Spielarten, vondenen ich auf gut Glück einzelne herausfasse.
Da ist in erster Linie die Tante. Jede Familie, dieauf dem Lande lebt, besitzt eine alte, von ihren Vorfahrenübernommene Tante, welche sich alljährlich, sobald die erstenErdbeeren reifen, für einige gemüthliche Stunden" ansagt.Sie bleibt nie fürzer als sechs Wochen.
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Behandelt man sie gut, so fühlt sie sich so wohl, daßsie nicht an die Abreise denkt, und behandelt man sieschlecht, dann sagt sie gerührt: Das freut mich, daß ihrmich ganz zur Familie zählt. Da bleib' ich doppelt so gernbei euch!" Man nimmt sie hin wie das unerbittlicheSchicksal. Sie ist noch immer leichter zu ertragen, als dieSpecies der Familiengäste. Diese verbreiten hellenSchrecken um sich.
Die Familie trifft nach dem Schulschlusse ein undbleibt bis zum Anfang des nächsten Schuljahres. DasEssen ist ihr niemals recht, entweder findet sie es zugewürzig oder zu flau, aber nie so, wie sie es gewohnt istDurch einen räthselhaften Zufall bleiben ihr stets die größtenBratenstücke auf der Gabel haften. Greift sie in eine Lagegesottener Krebse, dann hängen sich die einzigen Prachtexemplare an ihre Finger. Ist die Familie unter sich, seübt sie an dem ganzen Hause der Gastgeber Kritik. Beider Abreise verspricht sie unaufgefordert, im nächsten Jahrewiederzukommen.
Ebenso erfreulich wirkt die schöne Frau, die dasBedürfniß hat, auf dem Lande täglich etwas Neues zu erleben, mit der man Ausflüge machen muß zu den Sehenswürdigkeiten der Umgebung, weil sie selbst gesehen werderwill, die es Einem nahelegt, die Nachbarn einzuladen, undsich gern dazu erbietet, kleine Feste zu arrangiren. Dasgrößte Fest für das Haus bedeutet ihre Abreise. Sie nimmtmit dem erhebenden Gefühle Abschied, in den Herzen derländlichen Bewohner eine dankbare Erinnerung zu hinterlassen für die abwechslungsreichen Stunden, die sie ihnenbereitet hat.
Recht angenehm ist auch der Gast, der eine officielleoffene Wunde hat, die ewig in seinem Herzen blutet. Wäh-rend ihm die Hausfrau etwas Heiteres erzählt, um ihn zuzerstreuen, starrt er vor sich hin, in Leid verloren. Er hatkeinen warmen Blick für den Lieblingshund des Hausherrn,er läßt die Speisen theilnahmslos vorübertragen oder ißt,als ob er keinen Geschmack hätte und nur seine salzigenThränen spürte. Er spricht selten, aber wenn er spricht,dann spricht er nur von seinem Gram, gegen den disHausgenossen immer stumpfsinniger werden. Sie dankenGott, wenn er sie endlich von seinem Leid erlöst.
Wahrhaft fürchterlich ist der Typus des Lustigen,der für die traurigsten Lagen des Lebens Anekdoten bereithat und immerfort Sonnenschein um sich verbreiten möchta