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Die Tätowierung in den deutschen Hafenstädten : Ein Versuch zur Erfassg ihrer Formen u. ihres Bildgutes
Entstehung
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schleifen verdient. Diese Wandernden holen sich dann gelegentlich Tusche,Schablonen und Nadeln bei ihren seẞhaften Berufsgenossen, besondersin Hamburg. So läßt sich heute in Deutschland nur eine kleineGruppe von Menschen als Berufstätowierer bezeichnen, die vermutlichnicht einmal das zweite Dutzend erreichen wird36), zumal viele von derälteren Generation ganz oder teilweise ausgeschieden sind: zurückgekehrtzum Schaustellertum und Wandergewerbe, in der Großstadt untergegan-gen, in einzelnen, seltenen Fällen auch in einen bürgerlichen Beruf hinein-gewachsen, der dann meist irgendwie mit ihren Interessen und Befähigungenzusammenhängt³) und somit zumeist irgendwie im künstlerischen Elementbleibt. Doch kann auch umgekehrt, wie ein Fall in Leipzig zeigt, der Wegvom Kunstmaler zum Tätowierer gehen. So selten ein alter Tätowierer ineinem kleinbürgerlichen Arbeitsberuf landet 38), so ungewöhnlich und ver-einzelt ist der Aufstieg eines Hautstechers zu wohlhabender Bürgerlichkeit( Bremen).

Es dürfte kaum übertrieben sein zu behaupten, daß auch heute noch inDeutschland das Tätowiergewerbe zu neun Zehnteln mit fah-rendem Volk und Schaustellertum zusammenhängt. Dabei sind esmeist nicht die Marktfahrer", die Budenbesitzer, die tätowieren, sondernderen Troß, die ,, Schockfreier". Solche Schockfreier, Kabufleute( Ring-kämpfer), Athleten, Degenschlucker, Seiltänzer usw., die ihren eigenenGannefjargon sprechen, kennen nicht nur ihre Kaschemmen, in denen siein einer Ecke tätowieren können, sondern zugleich die Kniffe, mit denenman die unerfahrenen Kunden fängt, und geben diese, auch wenn sie alsBerufstätowierer oder Schlepper seẞhafter geworden sind, nur selten auf.So lockt man die jungen Seeleute, indem man ihnen sagt: Du bist keinrichtiger Matrose, ehe du tätowiert bist", und ähnlich packt man auch dieanderen bei ihrer Berufsehre und Mannbarkeit. Fragt der Angehaltene,was es koste, so sagt man zunächst einmal ,, ein Viertel Wurst", das auf dieHaut aufgelegt werden müsse. Ist das Bild halb fertig, verlangt man 7oder 8 Mark und droht bei Zahlungsverweigerung das schon gestocheneHautstück wieder herauszuschneiden. So kam das Tätowieren stark inVerruf, nachdem besonders von den umherziehenden Tätowierern viel

36) So arbeiten außer den Tätowierern der Seestädte in festem Wohnsitz nochje zwei in Berlin, Leipzig und Köln, einer in Dortmund.

37) Der Berliner Tätowierer Albert Heinze betreibt ein Kunstgewerbeatelierfür Perl, Relief-, Seiden- und Silbermalerei und fertigt die bebilderten, mit Glimmerbestreuten Taschentücher( mit Frauenköpfen, Schiffen u. dgl.), die er an Stickerei-geschäfte liefert. Sie finden besonders bei Matrosen Absatz und sind u. a. einer dergesuchtesten Artikel der Andenkenindustrie der Reeperbahn.

38) So ,, Franz von Europa", der lange Jahre in Dortmund tätowierte undjetzt in Fredenbaum Pantoffeln fertigt.