1408
WIENER KLINISCHE WOCHENSCHRIFT, 1907.
magen gefüllt und gewissermaßen als Blutwurst genossen worden.Die Vergiftungserscheinungen sind dieselben wie bei den auchin Europa ab und zu vorkommenden Plomainvergiffungen, nurtreten die Fälle meist in Form von Epidemien auf, da sich ge-wöhnlich eine größere Volksmenge an dem betreffenden Mahlebeteiligt.
Andero Arten von Vergiftungen sind äußerst selten, mitAusnahme von Nikotin vergiftungen, die nach der Mit-teilung Meldorfs sehr verbreitet sein müssen, da ja die Grön-Kinder im Tabakkonsum äußerst unmäßig sind.
Nun meine eigenen Beobachtungen: In jedem Orte,den ich betrat, fiel mir auf, daß, wie die Autoren auch zu erzählenwissen, Epistaxis ein ungemein häufiges Ereignis unter denEskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos ist. Als ich eine ungefähr 14 Tage lange Boolreisemit einer 15 Köpfe starken Rudermannschaft zu machen hatte,war jeden Tag mindestens einmal Epistaxis bei einem der Leutezu konstatieren. Meiner nahezu einjährigen Spitalspraxis auf demGebiete der Laryngorhinologie eingedenk, möchte ich dieses Vor-kommnis auf den jedem Laryngo- und Rhinologen bekanntenLocus Kieselbachii des Septum narium zurückführen, umso mehr, als diese Stelle der Schleimhaut bei den Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos durchhäufiges Nasenbohren und Tabakschnupfen noch viel mehr irritiertwird als bei uns. So bedarf es wohl nicht der in der Literaturgegebenen Erklärung des Phänomens mittels Plethora, da meineDeutung desselben doch viel näher liegt. Denkbar wäre es auch,daß die Epistaxis häufig als Vorbole einer späteren Skorbut-erkrankung auftrill, die ja, wie in der Literatur erwähnt wird,oft mit Nasenbluten beginnt. Leider war ich nicht in der Lage,Untersuchungen mit dem Nasenspiegel vorzunehmen, so daß ichdie Richtigkeit der von mir angenommenen Ursache der Affektionhätte beweisen können. Ich beziehe mich im übrigen auf dasKapitel Iabituelles Nasenbluten", in Zuckerkandis Buch,, Normale und pathologische Anatomie der Nasenhöhle und ihrerAnhänge".
Tuberculosis pulmonalis scheint wirklich riesig häufigzu sein, da Husten und Habitus phthisicus sehr oft anzutreffensind. In jedem Orte von 100 Einwohnern oder darüber sahman nahezu einen Menschen mit Skoliose, einer Kyphose oderKyphoskoliose, die wie erwähnt, auch tuberkulöser Natursein dürfte,
Ich richlete jedoch mein Augenmerk während dieser Reisein erster Linie auf die Hautkrankheiten) der Grönländer.
Lepra war nirgends anzutreffen, trotzdem sie von medi-zinischer, in grönländischen Verhältnissen nicht orientierter Seitestets dort vermutet wurde. Schon aus der Literatur ist es aberersichtlich, daß Lepra in Grönland nicht vorkommt; es ist um soerstaunlicher, da Grönland zum Teil ähnliche klimatische Verhält-nisse aufweist wie Island, woselbst bekanntlich Lepra ziemlichhäufig ist und da im südlichen Grönland ungefähr vom Jahre1000 bis 1500 cine isländische Kolonie bestand, ist diesnoch merkwürdiger. Diese Daten sind entnommen der Abhandlung von Dr. Gustav Meldorf: Sagaernesninger om Sygdomsforhold m. m. Gronland i TidsrummetBeret-zirka1448, Bibliothek for laeger 1906"( Be-richte der isländischen Sagen über Krankheitsverhältnisse inGrönland, im Zeitraume von 986 bis ca. 1448, in der Bibliothekfür Aerzte 1906). Sollten die Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos der Lepra gegenüberimmun sein, wie sie es der Syphilis gegenüber nahezu seinsollen( nach den Angaben der Literatur)?
986
-
Syphilis gibt es nicht in Grönland, kann auch nichtleicht eingeschleppt werden, da jederinann, der Grönländ be-reisen will, sich im Auftrage der dänischen Regierung einerärztlichen Untersuchung unterziehen muß und das Land erstdann betreten darf, wenn der Arzt ihn für frei von Lues undallen anderen Infektionskrankheiten erklärt hat. Begreiflicher-weise ist eine Untersuchung auf Syphilis nieinals absolut verJäßlich, da sich eine latente oder im Inkubationsstadium befindliche Lues dem genauesten Beobachter entzieht: Daher müssenwir wohl auch an eine mehr oder minder ausgebildete Immunitätder Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos gegen Lues glauben.
Trotzdem Tuberkulose allgemein verbreitet ist, konnte.ich, übereinstimmend mit den Literaturangaben, nicht eineneinzigen Fall von Lupus vulgaris entdecken. DieserUmstand legt die Vermutung nahe, daß es sich beim Lupus vulgaris um einen Bazillus handelt, der sich in seinen Lebens-bedingungen und Eigenschaften möglicherweise doch vom Tu-berkelbazillus unterscheidet. Auf diesen Gedanken kommt manum so eber, wenn man bedenkt, daß die Haut der Grönländer
7) Ich gedenke übrigens meine Beobachtungen auf dem Gebietder Hautkrankheiten später in extenso und mit Abbildungen in einerdermatologischen Zeilschrift zu publizieren.
Nr. 45
schon infolge ihrer Unreinlichkeit entschieden zu Erkrankungendisponiert.
Sehr häufig sah ich Fälle von Pédiculosis capilis,corporis, Furunkulosis und Skabies. Die lefzlere scheintoft als Scabies agria aufzutreten. Ich sah jedoch niemalsdie sogenannte Scabies norwegica.
Es gelang mir, eine.bis jetzt in der Literatur noch nichtbeschriebene Form von Alopezie zu beobachten. Sie hat wohlkein praktisches Interesse und wurde daher begreiflicherweisevon den wenigen, reichlich mit Praxis gesegnelen Aerzten inGrönland nicht beachtet.
An sonst anscheinend gesunden Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos weiblichen Geschlechtes, von der Pubertät an bis in das Greisenaller, konnteich die Affektion häufig wahrnehmen. Da sie an Frauen, diedie europäische Haartracht benützen, nicht vorkommt, so glaubeich sie auf die eigentümliche grönländische Sitte der Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag Weiberbeziehen zu können, die Haare von allen Seiten des Kopfesauf dem Scheitel mittels eines Bandes zu einem Knoten zuvereinigen, wobei die Haare sehr stark gespannt werden. Aufdiesen mechanischen Insult möchte ich dieses Ausfallen derHaare zurückführen.
In den Fällen, die ich gesehen habe, war der Befund un-gefähr folgender: In der Gegend des Os parietale, zumeist beider-seitig, manchmal jedoch mehr auf der einen Seite des Kopfes,als auf der anderen, fehlen die Haare oder sind sehr spärlich.Die Haut zeigt keinerlei Veränderungen, nur des öfteren etwasSchuppenbildung. Soweit ich das beobachten konnte, scheint dieKablheit von der Pubertät an zuzunehmen, indem sie sich gegendas Okziput und gegen die Regio temporalis ausbreitet. Meistsind die betreffenden Stellen des Kopfes nicht ganz scharf ab-gegrenzt.
Daß die Lokalisation gerade diese ist, scheint nur daraufzurückzuführen zu sein, daß die Haare besonders in dieser Region,wo sic, um zum Scheitel zu gelangen, eine stärkere Wölbungdes Kopfes zu passieren haben, einer größeren Spannung aus-gesetzt sind, als auf einer mehr ebenen Unterlage und geradedarum ausfallen.
Bemerkenswert ist, daß ich sonst bei Frauen und Männernaus anderen Gründen niemals eine andere Form der Alopeziekonstatieren konnte.
Die Affektion dürfte früheren Beobachtungen, zum Teil auchdeshalb entgangen sein, weil die Frauen nahezu immer einschwarzes Tuch um die Stirne gebunden tragen, wohl aus Gründender Eitelkeit, um diese kahlen Stellen zu verbergen.
Ich möchte sie mit dem Namen Alopecia groenlandicabezeichnen.
Anton Kerner von Marilaun als Mediziner inWien.
Der Adel der Heilkunde ist dieser, daßsie eine Tochter der Naturwissenschaften ist.( Isensee.)
In diesem Wintersemester wird an der Wiener Universität das Denkmal des berühmten Botanikers und BiologenHofrat Professor Dr. Anton Kerner v. Marilaun enthüllt, deram 12. November des Jahres 1831 zu Maulern in Niederösterreichgeboren, am 21. Juli 1898 als Direktor des Wiener botanischen:Gartens starb. Dem Verfasser einer ausführlichen Darstellungdes Lebens und Wirkens, Anton Kerners, die demnächst imVerlage von Christian Hermann Tauchnitz in Leipzig erscheint,mag aus diesem Anlasse gestattet sein, in diesem Blatte aufKerners medizinische Studien- und Doktorenzeit in Wien( 1849 bis 1855) hinzuweisen.
Dem Wunsche seines Vaters nachgebend, der seinen Antongerne als praktischen Arzt in Krems geschen, hätte, widmete sichder Jüngling vom Wintersemester 1848 bis 1849 angefangen, biszum Sommerseinester 1853 an der Wiener Universität den medizinischen Studien. Sein älterer Bruder Josef studierte gleichzeitigdie Rechte. Er wurde Richter und starb, nachdem er im Jahre1896 als Landesgerichtspräsident zu Salzburg in den Ruhestandübergetreten war, im November 1906. Seine freien Stunden hater zeitlebens für die Botanik verwendet, die er zuerst mit Antongemeinsam betrieb. Das Herbarium der österreichischen Weidenhaben die Brüder vereint herausgegeben, auch beteiligte sichJosef an der Bearbeitung der Gentianen aus der Gruppe derEndotrichen seines Bruders und trug zu dessen großer Floraexsiccata Austro- Hungarica noch als Greis bei. Mit dem Raledes Aelteren, der das Genic des Jüngeren anerkannte, hal Josefdem Anton zu mancher Arbeit die erste Anregung geboten.
Anton Kerner, der in seinem Leben von der Gunst derUmstände in den entscheidenden Wendepunkten und Stadien