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Die Krankheiten der Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos in Westgrönland : aus der Literatur zusammengestellt, mit Berücksichtigung eigener Beobachtungen
Entstehung
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WIENER KLINISCHE WOCHENSCHRIFT. 1907.

die nur ein moralisches Moment sei, vor dem Eintreten derAffektion. Die Angst sei auch beim sogenannten Kajakschwindeldas Wesentliche. Es dürfte sich nicht um eine Intoxikationhandeln, da auch bei Meldorf nicht von toxischen Erschei-mungen während der anfallsfreien Zeit die Rede sei. Nur, mein!Pantoppidan, sei für eine Neurose die Anzahl der Fälle( 10%)zu groß; daher glaubt er, daß mancher sogenannto Kajakschwindelwohl eine Intoxikation, d. h. eine Teilerscheinung einer gewöhn-lichen Nikotin vergiftung darstelle, nur müße man dannin der anfallsfreien Zeit auch entsprechende Symptome finden.

Im Jahre 1905 berichtete Dr. Alfred Bertelsen in seinenNeuropathologiske Meddelelser fra Gronland"( NeuropathologischeMitteilungen von Grönland), erschienen in der Bibliothek forlaeger, über seine eigenen Erfahrungen bezüglich des Kajak-schwindels. Er erwähnl zu Beginn die vorhandene Literatur underzählt, daß von einer Seite das Leiden sogar mit Epilepsieidentifiziert wurde. Er hat 60 Patienten längs der ganzen West-küsto Grönlands, vom äußersten Süden bis zur nördlichsten däni-schen Kolonie, das ist bis Upernivik( 73° n. Br.) untersucht.Das grönländische Wort nangiarpok", welches den Zustand be-zeichnet, bedeute nach einigen u. zw. den neueren Autoren,, Schwindel", den älteren Sprachforschern zufolge jedoch ,, Angstt.Die Angst sei auch das Gemeinsame an allen Krankengeschichten.Zum Bilde der Angst" gehören: Kraftlosigkeit, Parästhesien,Schwitzen, Zillern, das Gefühl der Beklommenheit und Schwindel.Die letztere Erscheinung fehlte bei einem Drittelder Fälle, in welchem es den Patienten statt dessen bloß schwarzvor den Augen wurde oder sich ähnliches einstellte. Die Angstrichte sich meist auf die Tiefe des Meeres, manchmal sei siejedoch ganz unbestimmten Inhaltes. Daß das Leiden einnervöses sei, dafür spreche auch der Umstand, daß es meistzur Sommerszeit auftrete. Häufig beginne die Krankheit mit anHalluzinationen erinnernden Vorstellungen, z. B. daß derKajak plötzlich schmäler und höher erscheine als gewöhnlich( 40% der Fälle), daß er sich mit Wasser fülle( 16% der Fälle)oder daß er abnorm schwer, während das Ruder ungewöhnlichleicht sei. Die Angst der Patienten und das daraus resultierendeZittern soi mitunter so heftig, daß objektiv ein Wackeln destreffenden Kajaks konstatiert werden könne. Die Momente, welcheein Aufhören des Anfalles bewirken, wie das Erblicken von Eisoder Land, sprechen auch für die psychische Natur des Leidens.Nach dem Anfalle seien Kopfschmerzen außerordentlich häufig( 33%) oder Erbrechen, Diarrhoe oder Scotoma scintillans.

Gemeinsam sei für alle Fälle eine krankhafteFurcht, krankhaft deshalb, weil sie nicht im richtigen Verhältnisse zu den Ursachen stehe, weil sienormalerweise nicht in solcher Intensität auftretenwürde und weil sie gewissermaßen auf Zwangsvorstellungen beruhe, die sich durch keinerlei Ver-nunftgründe verdrängen ließen. Die Furcht verschwinde erst mit dem Wegfall der Ursache. Dr. Ber-telsen möchte die Krankheit mit dem Ausdruck Laitmato-phobie( 2ata das Meer, Meerestiefe) bezeichnen. Daß essich nicht um eine toxische Affektion handle, gehe daraus hervor,daß sechs Patienten Bertelsens niemals dem Tabakgenußfröhnten, während zwei Jahre hindurch weder Tabaknoch Kaffee in ihrem Besitze hatten. Mit Epilepsie sei derZustand nicht zu verwechseln, denn es fehle die charakteristische,, aurn". Trotzdem es sich hier un ein Naturvolk Glossar ::: zum Glossareintrag  Naturvolk handle, seiein nervöses Leiden nicht überraschend, denn in der Literaturwerde auch das verhältnismäßig häufige Vorkommen von Geistes.krankheiten und Hysterien bei Grönländern erwähnt. Dieses seinicht nur durch den europäischen Einfluß bedingt, da ja dieseKrankheiten auch bei den Ostgrönländern Ende des XVIII. Jahr-hunderts vorgekommen seien, zu einer Zeit, wo diese nie mitEuropäern in Berührung kamen. In den Gefahren des Berufes( Jagd) liege ein prädisponierendes Moment für nervöse Erkrankungen. Daß der Kajakschwindel bei der gemischten Rasseprozentual häufiger vorkomme, als bei der reinen, habe darinseinen Grund, daß die Mischlinge Glossar ::: zum Glossareintrag  Mischlinge naturgemäß im Kajakfahrenungeschickter seien, als die reinrassige Bevölkerung. Im NordenWestgrönlands sei der Kajakschwindel deshalb nehr ver-breitet, weil dort die Fertigkeit im Rudern geringer sei, als imSüden; denn im Norden sei ja das Meer viel kürzere Zeiteisfrei als im Süden, somit weniger Gelegenheit zur Erlernungdieser Kunst geboten als im Süden. Daß die Zahl der Fällevon Kajakschwindel im höheren Alter größer sei als in derJngend, gehe aus der naturgemäß im höheren Aller abnehmendenFertigkeit in allen leiblichen Uebungen, so auch im Kajakfahrenhervor.

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Als Therapie werden zum Schlusse gute Ernährung, Brom-präparate, Arsenbehandlung und vor allem Suggestion empfohlen.

Mir scheint es nicht unmöglich, daß es, wie bei anderenAngstneurosen, bei denen Freud sexuelle Ursachen nachgewiesenhat, sich hier auch um derartiges handeln könnte. Nach Freud sollja die Aetiologie der Angstneurosen meist Coitus interruplussein. Im Kapitel Liebe und Ehe" in Nansens ,, Eskimoleben Glossar ::: zum Glossareintrag  Eskimoleben"heißt es: ,, Durchschnittlich sind die Grönländer reiner Rasse wenigfruchtbar. Zwei bis vier Kinder in jeder Ehe sind die Regel,wenn auch Beispiele von sechs bis acht, ja noch mehr vor-kommen." Diese Behauptung Nansens wurde mir auch vielfachan Ort und Stelle bestätigt. Leider war es mir aber nicht möglich,über die Beziehungen zwischen Kajakschwindel und Geschlechts-leben etwas zu eruieren. Es ist aber bekannt, daß es bei denAustralnegern Glossar ::: zum Glossareintrag Australnegern und den Bewohnern Westindiens eigene Gebräuchezur Hintanhaltung allzu großen Kindersegens gibt. Achnlicheskommt auch bei anderen Naturvölkern Glossar ::: zum Glossareintrag  Naturvölkern vor, vielleicht also auchbei den Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag  Eskimos.

Die Tuberkulose.

Aus dem Jahre 1904 stammt eine in dem Sammelwerke..Meddelelser om Gronland"( Mitteilungen über Grönland) enthaltene Abhandlung von Dr. Gustav Meldorf: Tuberculoseusudbredelse i Gronland"( Verbreitung der Tuberkulose in Grön-land). Der Autor teilt hier diesbezügliche, in den Berichten derDistriktsärzte an das Gesundheitsaint in Kopenhagen von denJahren 1832 bis 1902. enthaltene Beobachtungen, sowie seineeigenen Erfahrungen mit. Diese Berichte der Distriktsärzte basierenteilweise auf Mitteilungen von Geistlichen, also Laien, da diewenigen Aerzte nicht imstande sind, selbst alle hicher gehörigenVorkommnisse längs der 200 dänische Meilen langen Westküstedes dänischen Grönland zu kontrollieren.

Diese ist, so heißt es in der Abhandlung, in folgende dreiärztliche Bezirke eingeteilt:

1. Bezirk Nordgrönland, von dem Gebiete der Kolonie Uper-nivik( 73 n. Br.) bis zur Kolonie Egedesminde inklusive.

2. Bezirk Godthaab, von der Kolonie Egedesminde anbis zur Kolonie Fredikshaab.

3. Bezirk Julianehaab, von der Kolonie Fredrikshaab anbis zum Kap Farwell, der Südspitze des Landes.

Meldorf meint, daß ein Viertel bis zur Hälfte allervorkommenden Todesfälle auf Rechnung der Tuberku-lose zu setzen sei.

A. Lungentuberkulose.

1. Im Bezirke Nordgrönland: Aus einem MedizinalberichtChr. v. Harens'( 1876 bis 1877) gehe es hervor, daß über dieHälfte der Bevölkerung nur mit einer größeren oder kleinerenPartic der Lunge herumgehe. Das Klima trage dazu bei, der-artige Patienten in gutem Zustande zu erhalten, wenn sie reich-lich animalische Kost, d. h. Sechundsfleisch, zu sich nehmen,während vegetabilische Kost 5) sie rasch hierunterbringe. Unter sehrvielen Fällen von Lungentuberkulose konnte Chr. v. Haren nureinmal putriden Auswurf konstatieren. Ausgeprägte Kavernenseien auch selten. Wenn aber eine akute Bronchitis odereine der sehr häufigen Influenzaepidemien einen solchen Patientenergreife, so gehe er meist sehr rasch zugrunde. Es gäbe vielePatienten, die jeden Winter ihre Hämoptoë haben, währendsie sich in der warmen Jahreszeit so gut erholen, daß sie oftein blühendes Aussehen darbieten. Freilich werden sie nicht garzu selten durch ein akutes Symptom plötzlich dahingerafft. Ausdem Jahre 1885 datiert die Behauptung H. Kjaers, daß dieTuberkulose am häufigsten ergreife: 1. das Gehirn, 2. den Kehl-kopf und 3. die Verdauungsorgane oder die Lunge.

Kjaer behauptet, daß das Klima dieses Distriktes zwar einenwohltätigen Einfluß auf die Lungentuberkulose ausübe, daß dieserVorteil jedoch reichlich durch das enge Zusammenwohnen derGrönländer in den dürftigsten Verhältnissen und durch ihre großeUnreinlichkeit bezüglich des Expektorates wettgemacht werde.Der Autor ist der Ansicht, daß die tuberkulose Infektion häufigerdurch den Verdauungstrakt als durch die Luftwege geschehe.

II. Im Bezirke Godthaab. Aus diesem Abschnitte ent.nehmen wir folgendes: ,, Wenn ein des Vormittags an Hämoptoeerkrankter Patient am Nachmittage nicht mehr Blut expektoriert,so geht er sofort seiner gewohnten Arbeit, der Seehundsjagd im, Kajak' nach."

Die Ursachen für die Häufigkeit der Lungentuberkulose indieser Gegend seien folgende: Die häufigen Temperaturschwan

5) Als vegetabilische Kost kommen hier wohl nahezu ausschließlichBrot, Kaffee und Erdäpfel, alles aus Dänemark importiert, in Betracht.