Nr. 45
WIENER KLINISCHE WOCHENSCHRIFT. 1907.
50 Fälle von Lues unter den Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos konstatiert. Sicher jedochscien nur 25 gewesen. Bei den übrigen könne es sich um Ver-wechslungen mit ausgedehnten Narbenbildungen bei Furunkulose,ebenso um Folgeerscheinungen der sehr häufigen Pediculosiscapitis et corporis gehandelt haben. Auch Epithelverluste derZungenschleimhaut infolge des Tabakrauchens könnten fälschlichfür Syphilis gedeutet worden sein. Auch in den Achtzigerjahrendes vorigen Jahrhunderts habe man noch vereinzelte Fälle vonunzweifelhafter Lues in dieser Gegend beobachtet. Im Jahre 1890aber, versichert der Autor, sei nicht mehr die geringste Spurder Seuche in Ivigthut und Asuk zu entdecken gewesen.Daraus geht hervor, daß, wie Helms behauptet und bereitsLange) erklärte, die Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos zwar nicht immun gegen Luesscien, aber eine bedeutend herabgesetzte Disposition haben. Jetztgibt es jedenfalls in ganz Grönland keine Lues mehr.
Nebenbei sei folgendes erwähnt: Nirgends konnte ich inder ganzen Literatur über Grönlands Krankheitsverhältnisse eineErwähnung des Ulcus venerum finden. Grönland scheint indieser Beziehung mit den skandinavischen Ländern: Dänemark,Schweden und Norwegen konform, in denen, wie mir der Derma-tologe Prof. Ehlers in Kopenhagen versicherte, auch niemalsein Ulcus venerum beobachtet worden ist. Die Frage, warum demso ist, harrt noch ihrer Lösung.
Helms erwähnt noch, daß Infektionskrankheiten, wie Mor-billi, Skarlatina, Varizellen und Febris rheumaticabei den Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos in Grönland nicht vorkommen, Skorbutsci bei den Eingeborenen äußerst selten.
Im Jahre 1900 findet sich ein Artikel von Dr. A. Kjaer:Om Sygdomsforhold i Gronland"( Ueber Krankheitsverhältnissein Grönland) in der Ugeskrift for laeger, Kjöbenhaun",( Wochen-schrift für Aerzte, Kopenhagen). Kjaer erwähnt hier in Ueber-einstimmung mit anderen Autoren, daß er nicht einen einzigenFall von Lupus vulgaris beobachtet habe.
Im Gegensatze zu Helms fand Dr. Kjaer häufig Varizellen in Grönland, so wie dieser hat er jedoch Morbilli undSkarlatina auch niemals gesehen. Auch Diphtherie sei ihmnie untergekommen.
Häufig sei Herpes zoster. Nach Dr. Kjaers Vermutungläßt sich die große Verbreitung der Tuberkulose, speziell inNordgrönland, teilweise aus der Ungunst des Klimas erklären,welche darin bestehe, daß häufig Nebel herrsche und plötzlicheUebergänge von vielen Kältegraden zu 4 bis 70 Wärme vorkommen.
Skorbut hat Dr. Kjaer auch bei der einheimischen Be-völkerung beobachtet, besonders in Jakobshaun, einer dänischenKolonie in Nordgrönland. Als ursächliche Momente heschul-digt der Autor die Winternacht und die nahezu ausschließlicheFischnahrung der Ortsbewohner( Pleuronectes hippo-glossus). Die Krankheit komme in den Monaten Februar undMärz am häufigsten vor. Sie sei bei Europäern beim weiblichenGeschlechte häufiger, als beim männlichen und beginne meistmit Nasenbluten.
Als Gegenmittel empfiehlt der Verfasser: 1. Bewegung imFreien um die Mittagszeit, während welcher es am hellsten sei.2. Das Essen von Walfischhaut, auf grönländisch ,, Malak"genannt. Wahrscheinlich handle es sich bei diesem Volksmittelmeist um das Rete Malpighii von Delphinapterus leucasPall. Die Substanz wird in rohem Zustande genossen, ob sicauch im gekochten Zustande den Prozeß günstig beeinflußt, ist demAutor unbekannt. Es dürfte sich hiebei vorzugsweise um dieEinwirkung von Gelatine handeln, welche ja bekanntlich bei unsauch in der Therapie des Skorbut( subkutan oder per os oderper anum) in neuester Zeit benützt wird. Prof. Schwalbeerwähnt diese Behandlungsmethode in seinem ,, Grundriß der prak-tischen Medizin"( Stuttgart) 1904, im Kapitel Skorbut. Die Gela-tine wird ja als eine die Gerinnung des Blutes fördernde Substanzangeschen. 3. Den Genuß von Seehundslebern.
Von Hautkrankheiten scien am häufigsten: Furun-kulose, Tinea trichophytina, Favus, Impetigo undEkzema bei Kindern, besonders an der Haargrenze. Ferner dasKeloid der Ohrläppchen nach dem Stechen der Ohren, behufsTragen von Ohrringen.
Der Kajakschwindel.
,, Oni Kajaksvimmelheden i Gronland og dens Forhold tilBrugen af Nydelsesmidler"( deutsch: Ucher Kajakschwindel)
3) Bis zum Jahre 1864, aus welcher Zeit Langes Beobachtungen.datieren, war überhaupt niemals Syphilis in Grönland beobachtet worden.4) Kajak heißt das seelentränkerartige Fellboot der Grönländer,dessen sie sich zu Jagdzwecken auf dem Meere bedienen
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und sein Verhalten zum Gebrauch von Genußmitteln) betitelt sich,cine in der„ Bibliothek for laeger( Bibliothek für Aerzle) imJahre 1900, von Dr. Gustav Meldorf, Arzt im ärztlichen BezirkJulianehaab, erschienene Abhandlung.
Wir erfahren hier, daß Giesecke bereits im Jahre 1806die Krankheit im Distrikte Julianehaab angetroffen hat. IhreSymptome hestehen darin, daß das Individuumschwindlig und ängstlich wird, besonders, wenn esallein weit draußen im offenen Meere auf einerglatten, spiegelnden, oder nur ein wenig gekräusellenWasserfläche in seinem Kajak rudert. Es wird inhöherem oder geringerem Grade von der Furcht be-herrscht, zu kentern. Dan drehe sich alles um denRuderer, wie ein Grönländer Meldorf berichtete. Istnicht Hilfe nahe, so wird ein solcher Kajakmann wirklich kentern;der Zustand tritt meist nur bei ganz ruhiger See ein,hingegen nicht, wenn das Meer bewegt, der Kajakmann in Gesellschaft ist und wenn auf der Wasserfläche viele Eis-massen zu sehen sind. Man vermutele von jeher in dem reich.lichen Genusse von Kaffee ein ursächliches Moment. Der Verfasserbeschuldigt eher den Tabak als solches. Die Grönländer rauchennämlich, kauen und schnupfen auch sehr viel Tabak. Sogarder Kautabak und die beim Rauchen in dem Pfeifenkopfe zurück-bleibenden Reste werden von den Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos zum Anfertigen vonZigarren benützt; diese Zigarren enthalten naturgemäß mehrschädliche Substanzen als die gewöhnlichen. Das Pfeifenrauchenwird oft in der Weise betrieben, daß direkt an dem Pfeifenkopfegesaugt wird, wodurch die hygienische Wirkung des Pfeifenrohresentfällt. Der Autor fand, daß ungefähr 10% der über 18 Jahrealten Männer im Distrikte Julianehaab an Kajakschwindellitten. Am häufigsten beginne das Leiden zwischen dem 30. und45. Lebensjahre. Wir entnehmen aus der Abhandlung, daß auchdie durch Eindringen der europäischen Zivilisation zunehmendeNervosität bei den Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos auf Westgrönland ein begünstigendesMoment für den Kajakschwindel sein soll; daher dürfte esauch kommen, daß die Krankheit sich an der Ostküste, wo dereuropäische Einfluß noch viel geringer ist, seltener zeigt, alsan der Westküste Grönlands. Meldorf behauptet, daß die Grön-länder in seinem Distrikte, die weder rauchen noch Kaffee trinken,niemals an Kajakschwindel leiden.
Fragte Dr. Meldorf die Grönländer nach der Ursachedes Leidens, so wußte ein großer Teil derselben gar nichts anzu-geben. Sonst wurden Kopfschmerzen, körperliche Anstrengung,Angst, sogar Ansteckung von seiten eines mit dem Leiden be-hafteten Kameraden angegeben. Ein Patient führte sein Leidenauf den Anblick eines kenfernden Genossen, einer auf übermäßigenKaffee- und Tabakgebrauch und einer schließlich auf das Trinkeneines stark mit Bohnen gemischten Kaffees zurück.
Von 52 Patienten, die Meldorf untersuchte, soll die Krank-heit bei 34 sich ganz plötzlich, bei 18 jedoch sich all-mählich entwickelt haben.
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Der Autor unterscheidet drei Gruppen der Patienten. Dieerste Gruppe ist die, die infolge ihrer Affektion überhaupt nichtmehr im Kajak fahren können, die zweite diejenigen, die ihrFahrzeug nur in Begleitung oder wenn dieses irgendwelche Schutz-vorrichtungen gegen das allzu leichte Kenternbenützen können, die dritte Gruppe ist die derjenigen Patienten,die wohl allein in Kajak fahren können und auch ohne an diesemangebrachte Schutzmaßregeln, sich aber dabei unsicherer fühlenals normalerweise. Die meisten von den mit KajakschwindelBehafteten können auch nicht große Höhen oder steile Klippenersteigen, ohne sich schwindelig zu fühlen. Es scheint niemalsein wirkliches organisches Leiden dem ganzen Symptomen-komplexe zugrunde zu liegen. Die Patienten behalten ihre Krank-heit, wenn auch mit größeren oder geringeren Schwankungenmeist ihr ganzes Leben hindurch, nur sehr selten werden siesie wieder ganz los. Es war dem Autor nahezu immer unmöglich,die Kranken dazu zu bewegen, den Tabak- und Kaffeegenuß ganzaufzugeben. Nur einmal gelang dies; da soll auch ein hochgradigerRückgang der Erscheinungen eingetreten sein. Dr. Meldorf erwähnt, er glaube nicht, daß man die ganze Affektion mit der inEuropa bekannten Agoraphobie in eine Parallele bringen könne.Etwas später, aber auch im Jahre 1900 hat Dr. Knud Pan-Loppidan in der Bibliothek for laeger einen Artikel Om dengrönlandske Kajaksvimmelhed"( Urber den grönländischen Kajak.schwindel) publiziert. Im Gegensatze zu Dr. Meldorf faßt dieserAutor den Kajakschwindel nach der Lektüre von MeldorfsAufsatz als Neurose und nicht als Intoxikationserscheinung auf. Wie bei der Agoraphobie, so sei hier der Anblickeiner weiten Fläche durch einen einsamen Beschauer die Veran-lassung des Anfalles, ebenso bewahre auch hier die Begleitung.