Druckschrift 
Dalmatien und seine Volkskunst : Muster und Kunsttechniken aus altem Volks- u. Kirchengebrauch ; Spitzen, Stickarbeit, Teppichweberei, Schmuck, Trachten u. Gebrauchgegenstände der Dalmatiner
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

Und ganz sympathisch wird es ihr nie sein. Dasselbe wie vom Schmuck, gilt noch in verstärktem Maße von allen anderenGegenständen der Volkskunst. Die Leute würden es als eine höchst unpassende Maskerade ansehen und sich dem Spott undTadel aller aussetzen, wenn sie einen Bekleidungsgegenstand, selbst wenn sie ein Stickmuster aus einem Nachbardistrikttragen sollten. Auch arme Leute, die geschenkte Kleider tragen; etwa als wollten wir einem Steirer zumuten, in ungarischenLeinengatjen und Kalpak herumzugehen. Obschon es sich um Details handelt, die der Uneingeweihte gar nicht unterscheidenkann. Wer sich aber ein paar Jahre intensiv damit befaßt, kann auf die Dorfschaft genau auf der Straße ablesen, wohin die Leutegehören. Das war wohl auch Zweck und Grund der immens reichen Differenzierung durch die Volkskunst. Diese Exklusivitätgeht so weit, daß sich die Mädchen in den Fachkursen für Hausindustrie wiederholt weigern, andere Stickarbeiten oder Spitzenzu machen, als die Muster ihrer Gegend daß man in Ragusa eine große Stickereibestellung der Erzherzogin Maria Josefafür eine Robe zurückwies, weil das Muster einem Hemde von Obbrovazzo entnommen war! Daß man eine Fachlehrerin einfachboykottierte und monatelang ohne Schulbesuch sitzen ließ, bis sie weinend davonfuhr, weil sie aus einer anderen Stadt gebürtigwar. Wiederholt. Und ähnliches mehr. Dieser Lokalchauvinismus und dieser ungeheure Stolz auf die eigenen Leistungen istmit ein Grund der Vollendung; man konkurriert. Es ist aber zugleich ein Grund, warum die Volkskunst im allgemeinenmiẞachtet wurde: die Arbeit der eigenen Gegend ist jedem alltäglich, die Arbeit der anderen unsympathisch und deshalb beideswertlos. Zugleich ein Grund des kolossalen Formenreichtums, bei dem nur der einheitliche Zug, die innere Zusammen-gehörigkeit ein wunderbares Rätsel bleibt. Ist es Sache der Blutmischung, des Volkscharakters?

Ein junger Dalmatiner aus Curzola, wo es längst keine Tracht und Volksarbeit gibt, kommt an die Wiener Kunst-gewerbeschule. Seine ganz naiven Entwürfe haben von der ersten Linie an ihren festen Stil, einen unbegreiflich fesselnden,ägyptisierenden Typus, trotzdem sie neuzeitlichster Art sind. Instinktiv wendet sich der junge Schüler Webereientwürfen zuund staunend wird seinen Lehrern, wird ihm selbst das Woher seiner Eigenart klar, als zum ersten Male dalmatinischeBauernwebereien vorliegen, die der junge Mann früher nie beachtet, sie jedenfalls oft gesehen, aber niemals angesehen hatteund deren Stil ihm gleichwohl im Blute sitzt. Der Künstler, Ugo Zovetti, hat seine Tätigkeit seither den dalmatinischenHausindustrien gewidmet.

Die Gebiete der heute noch lebenden Volkskunst werden bei den jeweiligen Gruppen Besprechung finden. Durchalle Gebiete und Arten der Volksarbeit zieht aber der interessante Gebrauch der Benennungen für jeden einzelnen Ornament-bestandteil, so daß die Frauen imstande sind, durch bloßes Ansagen" ein Muster ungesehen weiterzugeben, so wie maneine Häkel- oder Strickspitze in Worten aufschreiben kann, ohne Zeichnung. Diese Benennungen sind in den verschiedenstenGegenden und für die verschiedensten Techniken undMuster ganz dieselben: Straße, Wässerlein( Meeres-welle!), Bächlein( Mäander!), Rosen, Augen, Fenster,Rad, Birnen, Äpfel, Hacken, Zigeunerhacken Glossar ::: zum Glossareintrag  Zigeunerhacken, Sonne,heiliger Käfer( sveta bia, Scarabeus!), Finger- oderHändemuster( ruka- ruka, in Persien dasselbe Muster:Hand des Propheten!), Granatäpfel, Baum, Vogel, Stern,Herz, Nelken, ferner nach Professor Vid Vuletić- Vu-casović: Sonnenmotive( altslawischer Sonnenkultus);> Slovca, altslawisches Buchstabenmotiv( urslawischeRunenschrift); Symbol der Svastyk( altslawisch); Geier-krallen. Hohle Finger. Hahnenmuster( in Caualesen-Stickereien). Gleichviel, ob es Klöppelspitzen, Reticella,Buntstick oder Webearbeiten sind; und sehr amüsantist es, zu verfolgen, inwieweit die Stilisierung des Mustersnoch eine Erinnerung an das namengebende Vorbild zuläßt.Ob diese Benennungen auch für die Männerarbeiten gelten,konnte bisher von Schreiberin dieses nicht festgestelltwerden, doch ist es sicher der Fall, denn alle Muster sind Gemeingut. Hochinteressant ist der Volksaberglaube in Hin-

,, Zaubertüchlein"

( jagluk) in Goldstickerei. Aus Kruševicabei Castelnuovo.Geschenk der Frau Ida Magyar. KollektionBruck- Auffenberg.

,, Zaubertüchlein"

( jagluk) in Goldstickerei. Aus Kruševicabei Castelnuovo.Geschenk der Frau Ida Magyar. KollektionBruck- Auffenberg.

sicht auf die Zauberkraft der Stickmuster, wie ihre kombinierte Verwendung zum Ausdrucke seelischer Vorgänge, erotischer Be-ziehungen und Wünsche und der sozialen Stellung ihrer Trägerin: Mädchen, Heiratsfähige, Braut, Frau, Mutter, Witwe. Die Schrift-stellerin Jelica von Belović- Bernadzikovsky hat in einem tief wissenschaftlichen Essay die erotischen Einschläge in der Orna-mentik der Südslawen" besprochen und auf die Tatsachen hingewiesen, wie gewissen Mustern die Wirkung von Liebestränken bei-gemessen wird, daß sich die Männer vor den Bezauberungen durch Stickerei fürchten, vor Rache, Krankheit und Todbringenden Zeichen; daß man förmliche Liebesbriefe und heimliche Botschaften stickt, ja, daß eigentlich alle südslawischeStickarbeit aus erotischen Motiven stammt. Darum die vielerlei Geschenkgegenstände, darum die liebevolle Geduld und Sorgfalt,darum das Geheimnis, das die Leute über die Deutungen breiten und das die Forschung sehr erschwert. Zahlreiche Volks-lieder weisen auf diese Bedeutungen und Wirkungen hin. Und überall überträgt man diese Beziehungen auf die eigene orts-übliche Technik.

Auf den großen Kirchenfesten, den Märkten, den nationalen Festtagen kann man die Volkskunst lebendig erblicken.Da kommen die Viehverkäufer, die Bettelmusikanten, die festlich gekleideten Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber aus den unzugänglichsten Winkeln derUmgegend. Die Leute bringen allerlei Arbeiten zum Verkauf, sie tafeln auf ebener Erde um den Marktplatz herum undnachmittags reiht sich die Jugend zum Kolotanz. Lachend zuerst, sich Trutzlieder zusingend, dann immer ernster werdend,immer heißer und leidenschaftlicher, gewöhnlich mit keiner anderen Musik, als dem rhythmischen Stampfen der Opanken. Im

20