dazu.
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Wir standen vor der Tatsache eines großen Familiengemeinwesens, einesZadruga. Alle, Männer wie Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag Weiber, waren Künstler in sämtlichen Nationalarbeitender Gegend. Auch das Familienoberhaupt, zugleich Bürgermeister, stellte sich vor,und wir mußten uns der drängenden Zeit halber fluchtartig losreißen. Auf der Rück-fahrt kamen uns die Einwohner in ganzen Prozessionen entgegen, brachten nochviel schönere Sachen, jeder alle Hände voll, man hielt die Pferde an und füllteunseren Landauer bis zu unseren Köpfen hinauf mit den besten Stücken. Es wardiesen Menschen zum ersten Male geschehen, daß sich Fremde um ihre Kunstbekümmerten, und jeder Lobspruch, jeder Tadel flog von Mund zu Mund, Kritikund Bewunderung befriedigten sie ebenso, als zahlreiche Ankäufe. Dagegenhatten wir einmal in Sebenico tagelang vergeblich ein gesticktes Hemd zu kaufengesucht, das ein Marineoffizier einer Dame versprochen hatte, bis er ein solchesendlich auf dem Wochenmarkt einer Bäuerin vom Leibe herab abkaufen mußte.Das ist die Regel, der Fall von Mazura die ganz einzig dastehende Ausnahme.In Kievo bei Verlika arbeitet Mijo Gojević die schönen, weitberühmtenSessel von Seite 1. Hoch im Dinaragebirge, zwei Stunden pfadlosen Weges überdem schlichten Dorfe. Der Mann hätte sehr viele Bestellungen, aber kein Holzweit und breit. Nur zufällig und schwierig kann er es sich aus Bosnien, jenseitsder riesigen Dinara verschaffen. Auch keine Werkzeuge. Mit einem Messer undein paar selbstgefeilten Sägen, weiter nichts. Monatelang muß man auf ein paarStühle warten. Man will die Sache fördern, Dutzende von Bestellungen bringen,man will ihm Holz und Werkzeuge schicken, er soll sich Gehilfen erziehen, undman wird ihn für den Unterricht vom Verein aus bezahlen. Der arme Teufel istin tödlichster Verlegenheit. Er will gar keine großen Bestellungen; denn er will allesallein arbeiten. Es stellt sich heraus, daß der schon bejahrte Mann, dessen schöner,hoher, michel- angelesker Erscheinung man den geborenen Künstler im Bauernrockansieht, seine Kunst gerne mit sich ins Grab nehmen möchte und darum keinemanderen Unterricht geben mag. Und daß die anderen, eifersüchtig auf sein Glück und Talent, keinen Unterricht von ihm nehmenwollen. Würde man dort eine regelrechte Fachschule errichten nun, dann ist der ganze Charme vernichtet. Man muß alsoGeduld haben, Bestellungen geben und abwarten, was von selbst wird. Ritter von Kulisić, der Landtagsabgeordnete und Bürger-meister von Verlika, hilft nach Kräften vermitteln, denn wie kommt man sonst auf die Dinara?
Geschnitzter Lehnstuhl aus Sinj.( Eigentum desHerrn Petar M. Miovič.)
In Verlika, das um seiner ursprünglichen und reichen Volkskunstverhältnisse willen hier noch oftmals genannt wird,sieht die Verfasserin, gleich beim ersten Betreten des reizenden Gebirgsortes, die wundervollen Männergürtel mit Zinnbeschlägen,Tafel 27, 33 und S. 18, an vielen Leuten; und die sammlerische Habgier erwacht sofort, die Sache war wirklich noch nirgends zusehen. Gleich bei der ersten Anfrage, die einen kroatisch- italienisch Interpretierenden notwendig macht, sammeln sich die Leutean, sprechen durcheinander, es folgen Abweisungen und Anbote, die erst Hausse, dann Baisse hervorrufen; und ein alter Mannkommt herbei, mischt sich in alles, schimpft über alle und behauptet unter lebhaftem Widerspruch, er selbst habe diese Gürtelgemacht, während andere meinen, das könne nur aus Bosnien kommen. Der Kauf scheitert vorläufig an der Preisforderung,die Leute laufen auseinander, und nur der Alte kommt nachgeschlichen und bittet, ihm doch zu glauben und morgen beiihm seine Arbeiten anzusehen. Das geschieht; nur finden sich bei ihm keine Gürtel, sondern bloẞ sämtliche Mustervorzeichnungen,Werkzeuge, Formen für den Zinnguß der Beschlagnägel, und ein paar Dutzend blinkend frisch gegossener Zinnägel von ver-schiedener Form, die er Abends vorher noch rasch angefertigt hatte, um seine Kunst zu beweisen, die er mit seinem Bruderein Leben lang ausgeübt hatte. Brača Diakovič, kositarodietak. Eine Bestellung für ein Musterstück in Größe einer Zigarren-tasche, gegen hohe Bezahlung, übernahm er wohl, hat sie aber niemals ausgeführt; denn das war eine Sache außerhalb seinerTradition. Bei einer nächsten Ankunft in Verlika sagte ihm die Verfasserin, daß sie genau denselben Gürtel im SarajevoerMuseum gesehen habe. Da wird der schweigsame Mann plötzlich wie elektrisiert, ruft:„ Nur ich habe den gemacht! BisBanjaluka bin ich mit meinem Bruder auf alle bosnischen Märkte gefahren! Alles haben sie in Bosnien abgekauft! Nichts istaus Bosnien!" Auf die Frage, warum er nicht weiter arbeitet, sagte er:„ Wir sind jetzt alt." Warum er keine Gehilfen nimmt?,, Die Kunst soll mit uns sterben, das kann niemand." Das ist der Standpunkt der alten Volkskünstler. Das wollen sie alle.Der Mann hat sich durch seine Kunst ein niedliches Haus und Geld erworben, jetzt soll sie sterben.
Geradeso auf den zwei Augen einer uralten Frau ruht die aussterbende Kunst der prachtvollen Nadelguipure vonDobrota bei Cattaro( Tafel 24 und 33), von der später die Rede ist. Die häuslichen Industrien armer Frauen gewinnen manchmalerstaunliche Dimensionen. In Sebenico, einem Hauptsitz der Mützenfabrikation, hat ein Unternehmer, Herr Mattavuglie, dieSache en gros in die Hand genommen manchmal beschäftigt er gegen 300 Frauen und Mädchen, wenn keine Saison fürFeld- und Weingartenarbeit ist. Dabei herrscht Arbeitsteilung. Die jüngsten Kinder machen die einfachen Randlinien, dieälteren Mädchen die Ornamentborte, die Erwachsenen das große Mützenornament( Tafel 42). Ohne Zeichnung, natürlich. Dabeifliegen die Nadeln, daß des Zusehers Augen kaum folgen. Aber das ist Exportware. Die Kaufleute der nächstliegenden Städtehaben ihre eigenen Stickerinnen in Sebenico, und keiner ist zu bewegen, daß er ihre Adresse verraten würde, wenn er zufriedenist. Einige sind berühmte Meisterinnen ihrer Arbeit, und auch sie sind nicht zu bewegen, Bestellungen anzunehmen, weil sieihren ständigen Arbeitsgebern nicht treulos sein wollen. Wiederholt sah die Verfasserin in Sebenico da und dort vor denHaustüren Mädchen mit Mützenstickerei beschäftigt; an einem schönen, heißen Herbsttag mitten auf einem malerischen Häuser-winkel des Borgo di Mare sogar eine ganze Ateliergesellschaft junger Stickerinnen, etwa ein Dutzend, lachend, singend, auf
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