Druckschrift 
Tahtakale : Traditionelles Handwerk in der Türkei ; Österr. Museum f. Volkskunde und Ethnograph. Museum Schloß Kittsee zusammen m. Mus. f. Völkerkunde
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

RAUM II:

Das türkische Haus:

Das Haus erfüllt in der Türkei neben seinerFunktion als Wohnstätte auch vielfältige wirt-schaftliche Aufgaben. So erfolgt im Haus ne-ben der Weiterverarbeitung und Konservie-rung von Nahrungsmitteln und der Unter-bringung des Viehbestandes auch die hand-werkliche Erzeugung durch die ländliche Fa-milie; vor allem die im Rahmen des Heimflei-Bes von den Frauen durchgeführten Tätig-keiten, die neben dem Spinnen der Wolle,der Herstellung der Bekleidung auch dasWeben und knüpfen von Teppichen sowiedie Erzeugung von Spitzen und Stickereienumfassen.

Je nach dem Gebiet, in dem die Dörfer lie-gen, sind die Baumaterialien der Häusersehr unterschiedlich. In der Schwarzmeerre-gion, die einen dichten Waldbestand auf-weist, überwiegt das Holzhaus. Im gebirgi-gen Ostanatolien werden die Häuser ausSteinen errichtet. Im zentralanatolischenSteppengebiet herrscht das Lehmhaus vor.An der Ägäis und am Marmarameer sind Zie-gelbauten meist in Fachwerkkonstruktion

des mediterranen Typs weit verbreitet.Eine Besonderheit in der Bauweise stellendie kappadokischen Tuffsteinhäuser dar, dieteilweise die im Gestein befindlichen Höhlenmit in die Bebauung einschließen. Die je-weils verwendeten Materialien stellen eineadäquate Anpassung an die natürlichen Ge-gebenheiten der Landschaft dar und erfüllenalle von den Bewohnern geforderten funktio-neilen Möglichkeiten wie Wohnbereich, Stallund Speicher sowie Arbeitsteil.

Grundsätzlich ist das türkische Haus in meh-rere Bereiche gegliedert. Der wichtigste Teildes Heimes, das die Domäne der Frau dar-stellt, ist die Küche, die gleichzeitig als Auf-enthaltsraum für ihre Bewohnerinnen dient.In ihr werden die meisten häuslichen Arbei-ten verrichtet und hier treffen sich auch dieFrauen zur Unterhaltung. Dort wo kein eige-nes Gästezimmer für die Frauen vorhandenist, wird die Küche, oft auch haremlik

22

22

eigentlich der Teil, der den Frauen vorbehal-ten ist genannt, benützt.

In der Regel verfügen die türkischen Häuserüber ein eigenes Gästezimmer( selamlıkoder misafir odası). Dieses ist meist gut aus-gestattet mit Teppichen und Polstern undteilweise auch europäisch möbliert, z. B. mitSesseln. Das Gästezimmer ist der Aufent-haltsort der Männer. Reiche Dorfbewohnerunterhalten oft große Gästezimmer, diemeist einen eigenen Zugang( unabhängigvom übrigen Haus) haben, in denen sich allemännlichen Dorfbewohner treffen könnenund wo sie mit Tee oder Kaffee bewirtet wer-den. Diese Treffpunkte werden meist odalıkgenannt oder kurz oda. Der Unterhalt sol-cher Gästezimmer erfordert hohe finanzielleAufwendungen, fördert aber gleichzeitig dasPrestige und die Macht ihrer Besitzer. Durchdie überall in den Dörfern eingerichtetenTeehäuser wird die Tradition der odalık's all-mählich aufgegeben.

Neben den bereits genannten Räumen ver-fügt das türkische Haus noch über einen, beibesser gestellten Familien über mehrereSchlafräume, in denen entweder Eisenbet-ten oder jeweils am Abend aufgeschlageneMatratzen als Schlafstätten dienen.

Badegelegenheiten sind in den Häusernmeist nicht vorhanden, aber zahlreiche Dör-fer verfügen über Badehäuser( hamam). DerViehbestand wird im Haus oder in seiner un-mittelbaren Nähe untergebracht.

Zur Lagerung von Nahrungsmitteln dienenverschiedene Speicher und Vorratsräumebzw. vor allem am Schwarzen Meer eigeneauf Pfählen errichtete Speicher für Getreideund Trockengemüse. Die Arbeitsgeräte wer-den meist im Haus oder im Stall unterge-bracht.

Durch die Mechanisierung der türkischenLandwirtschaft verändern sich allmählichnicht nur die Gehöftformen( z. B. Abweichenvom traditionellen Grundriß durch die Anlagevon modernen Maschinenparks bzw. großenStallungen im Rahmen der kommerzialisier-ten Viehzucht), sondern auch die traditionel-len Baumaterialien. An Stelle der Stein-,Holz-, Lehm- oder Ziegelbauweise tretenBetonbauten mit Wellblechdächern und gro-Ben Fenstern.