Liebesgaben
Ein Gefühl materialisiert sich
Zuneigung, Liebe, Hochzeit, Ehe- dassind Themen mit denen sich die Volks-kunde schon von ihrem Beginn im 19.Jahrhundert an beschäftigt hat. Auchdie Volkskundemuseen sammelten eif-rig jene Dinge, die Verliebte, Verlobteoder Verheiratete ihren Auserwähltenals Geschenke übergeben hatten. DasVolkskundemuseum Wien besitzt zahl-reiche solche ästhetisch ansprechendeund aufwändig verzierte Liebesgaben,unter denen sich Löffel, Wetzsteinkump-fe, Spinnrockenaufsätze, Wäschepleuelund Schnupftabakdosen befinden, diewir heute nicht sofort dem Thema Liebezuordnen würden. Kunstvoll gestalteteLiebesbriefe, die hier leider wegen derstarken Helligkeit nicht ausgestellt wer-den können, oder Schmuckstücke wieRinge lassen sich jedoch auch aus unsererheutigen Alltagserfahrung heraus leichtals Gaben unter Liebenden erkennen.
Gefühle wie Liebe oder Sexualität fin-den sich bei allen Menschen und zu al-len Zeiten in ähnlicher Form. Allerdingsist das Erleben und Ausleben der Ge-fühle kulturell und sozial bestimmt.
In der vorindustriellen bäuerlichen Gesell-schaft Mittel-, Nord- und Westeuropas hattenMänner und Frauen in der Regel bereits einrelativ hohes Alter erreicht, wenn sie in denStand der Ehe eintraten. Denn mit dem Hei-raten wurde gewartet, bis die Landwirtschaftmit dem Hof von der älteren Generationübergeben wurde. Das geschah möglichstspät, da ein Leben im Altenteil meistensnicht besonders angenehm war. So ergabsich eine lange Zeitspanne zwischen dem Er-wachsenwerden mit Eintritt der Geschlechts-reife und der Heirat mit der Übernahme deselterlichen bzw. schwiegerelterlichen Hofes;es entstand ein eigener Lebensabschnitt,nämlich die Jugend. In dieser Zeit wurdeGesindedienst in der elterlichen Wirtschaftoder in einem anderen Betrieb verrichtet.Die Eltern hatten relativ wenig Einfluss aufdie Lebensgestaltung, dafür gab es anderesoziale Institutionen, die Regeln vorgaben,wie die Knaben- oder Burschenschaften.Männliche und weibliche Jugendliche hat-ten bei vorgegebenen Zusammenkünftendie Möglichkeit einander kennen zu lernenund die Gefühle für einander zu erkennen,so etwa in den Spinnstuben, bei Tanzver-anstaltungen anlässlich von Feiertagen