Einführung
Das Museum für Volkskunde führt seine erste Ausstellung im neuen Österreich,die der Wiedereröffnung des ganzen Museums vorausgehen soll, im Gedenken an denBeginn der österreichischen Volksschauspielforschung vor hundert Jahre durch. 1846 zeich-nete Karl Weinhold, späterhin der Vertreter der Germanistik an der Universität Graz,zum erstenmal Weihnachtsspiele im Sinne der heutigen Volksschauspielforschung auf.1853 erschien dann sein bahnbrechendes Werk„ Weihnachtslieder und-Spiele aus Süd-deutschland und Schlesien", ebenfalls in Graz, das bereits alle Phasen des volkstümlichenSchauspielwesens miteinander in Verbindung setzte, zeitlich vom frühen Mittelalter biszur Gegenwart, stofflich von den Rauhnachtumzügen bis zum barocken Bühnenspiel. SeinSchüler Matthias Lexer, bekannt als der Verfasser des maßgebenden mittelhochdeutschenWörterbuches, setzte 1862 Weinholds Arbeit für Kärnten fort, während schon 1850 AdolfPichler, der bedeutende Tiroler Dichter und Forscher, mit seinem Buch über ,, DasDrama des Mittelalters in Tirol" auf den Zusammenhang der Tiroler Schauspiele derSpätgotik mit denen des Barock verwiesen hatte. Seit dieser fruchtbaren Mitte des 19. Jahr-hunderts gibt es eine österreichische Volksschauspielforschung von bedeutender Breiteund Tiefe. Aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert seien besonders die NamenKarl Julius Schröer, Anton Schlossar, Wilhelm Pailler, Johann Raimund Bünker,Josef Eduard Wackernell, August Hofer, Adalbert Sikora, Wilhelm Hein, MichaelHaberlandt, Karl Adrian genannt. Eine bedeutende Zahl weiterer Forscher hat sichdiesen bis in die Gegenwart hin angeschlossen.
Die Ausstellung bringt Handschriften, Geräte, Bilder und weitere Zeugnisse desVolksschauspielwesens zur Anschauung sowie Werke der volkstümlichen Kleinkunst, diedeutliche Einwirkungen der schauspielhaften Gestaltung aufzuweisen hat. Ferner sind hierBildmotivgruppen ausgestellt, die stofflich dem Volksschauspiel verwandt sind, da sich inder Volkskunst wie in der sittegebundenen Kunst älterer Zeit überhaupt nur selten Dar-stellungen von Schauspielen oder schauspielhaften Elementen, also von zeitlich ablaufendenHandlungen finden, häufig dagegen Verbildlichungen der gleichen Ideen, welche auch denInhalt der Schauspiele bedeuten.
Die Hauptgruppen der Ausstellung sind dementsprechend: Schauspielmasken undZeugnisse des Masken- und Verkleidungswesens, der spielerischen Gestaltung geglaubterInhalte und ihres Nachwirkens in verschiedener Form; die Geschichte der Hanswurstgestaltund ihrer Erforschung; Handschriften, ferner die Zeugnisse der Verflechtung volkstümlicherMotivgestaltung um das Schauspiel und im kleinen Andachtsbild, die verschiedenen Formengeistlichen und weltlichen Puppenspiels, der Krippentheater und mechanischen Bühnen,und die Darbietungen der Stoffe und Motive zu den Jahreszeitspielen, zum Jedermannund zum Doktor Faust, wie sie in den österreichischen Ländern gestaltet wurden undwirksam waren. Zum größten Teil sind die Gegenstände hier erstmalig in diesen Zu-sammenhang gestellt.
Besonders hingewiesen sei auf die verschiedenen Hanswurstdarstellungen in derVolkskunst, die in dieser Fülle der Theatergeschichte kaum schon zur Verfügung standen,ferner auf die Zeugnisse zum Spiel vom Doktor Faust, besonders auf das Wiener Faust-kruzifix, ferner auf die Belege zum Jedermannmotiv in der alpenländischen Volksvor-stellung und die verwandten Bildwerke, die sich hier sinnvoll anreihen lassen. Die Masken-bestände des Museums sind in einer Auswahl vorgeführt, welche vor allem die dämonischeAnschauungs- und Gestaltungslust der inneren Alpenländer in den letzten drei Jahr-hunderten deutlich zum Ausdruck bringt.
VOLK
Die Bestände des Museums wurden bei dieser Ausstellung durch verschiedeneLeihgaben ergänzt, besonders aus der Sammlung für Geschichte des deutschen Volks-glaubens, Wien, für deren Bereitstellung ihrem Besitzer, Herrn UniversitätsdozentenDr. Rudolf Kriß auch an dieser Stelle gedankt sei. Für weitere Leihgaben ist dasMuseum dem Herrn Universitätsdozent Dr. Anton Dörrer, Karl M. Klier, Prof. Dr.Georg Kotek und akademischen Maler Leopold Schmid zu Dank verpflichtet.
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