Druckschrift 
Auf die Schätze, fertig, los! : Schatzgeschichten aus dem Volkskundemuseum Wien, dem Slowakischen Nationalmuseum Bratislava und aus Marchegg : eine Ausstellung im Schloss Dolná Krupá 2020 : eine Reise um die Werte
Entstehung
Wien [2020]
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Es war einmal...

... ein alter

EINE ALTE NORDISCHE SCHATZGESCHICHTE

Mann. Der lebte ganz allein

im Wald in einer kleinen Hütte und war

sehr, sehr unglücklich. Jeden Tag saß er auf einerBank vor seinem Häuschen und starrte vor sich hin. Er

hörte nicht wie die Vögel sangen, er spürte den Wind nicht, der

mit den Blättern der Bäume spielte, er fühlte nicht die Sonnenstrahlen

auf seiner Haut, er roch den würzigen Tannenduft nicht, und er sah nicht, wie

die Tiere des Waldes immer wieder zutraulich herankamen.

Er hielt den lieben langen Tag den Kopf gesenkt und dachte nach. Seine Gedanken kreis-

ten immer nur um eine Sache. Warum, so fragte er sich wieder und wieder, warum nur wardie Prophezeiung der schönen Fee nicht in Erfüllung gegangen? Dabei war der Fall doch ganzklar. Seine Mutter hatte ihm die Geschichte oft erzählt. Damals, als er vor vielen Jahren in dem tau-send Jahre alten Wasserschloss, in der Mitte des Waldsees geboren wurde, damals, genau eine Stundenach der Geburt, hatte plötzlich eine Fee an seiner Wiege gestanden.

Sie hatte wunderschöne lange Haare, erinnerte sich seine Mutter. Fein und schimmernd wie Spinnweben, auf

die die Sonne scheint. Und sie hatte ein Lächeln auf den Lippen, das jeden, ob Mann oder Frau, dahinschmelzen

lieẞ. Was die Fee dann gesagt hatte, das hat sich der Mann genau gemerkt, zu oft hatte es ihm seine Mutter, die nunnatürlich längst gestorben war, wiederholen müssen. Am Ende des Regenbogens liegt ein großer Schatz für Dich. Genaudiese Worte hatte die Fee zu dem Säugling gesprochen. Dann war sie verschwunden.

Kaum war er alt genug, hatte der Mann auf der ganzen Welt nach diesem Schatz geforscht. Er

war von Land zu Land gereist, hatte in den Bergen nach Edelsteinen, in den Flüssen nach

Gold gesucht, und er war nach versunkenen Schiffen auf den Meeresgrund getaucht. Es

war ein wildes, abenteuerliches Leben gewesen, voller Ungeduld und Gier. Doch denSchatz, nein, den hat er nie gefunden. Er war arm wie eine Kirchenmaus geblieben,und sein Erbe, das schöne Wasserschloss, fiel an seinen jüngeren Bruder, weil ersich nie darum gekümmert hatte.

Am Ende des Regenbogens, so ein Unsinn! pflegte er regelmäßig am Endeseiner Grübeleien zu sagen und missmutig in die Hütte zurückzustampfen,um sich schlafen zu legen.

So lebte er dahin, bis eines Tages etwas geschah. Es hatte tagelang gereg-net, doch plötzlich war mit Macht die Sonne durchgebrochen, obwohl esnoch etwas nieselte. Der alte Mann saẞ mal wieder mit gesenktem Kopfvor seiner Hütte und zertrat wütend eine kleine Blume. Doch plötzlichveränderte sich das Licht, und der alte Mann schreckte auf. Und da saher es. Ein riesiger Regenbogen spannte sich über den Wald, hoch über diehöchsten Wipfel der Bäume. Ein Regenbogen in den schönsten Farben,so prächtig, wie er es noch nie gesehen hatte. Und das Ende des Regen-bogens zeigte genau auf ihn.

Ja, der alte Mann saẞ direkt am Ende des Regenbogens. Da kam ihmdie Erleuchtung. Der Schatz am Ende des Regenbogens, das war erselbst. Der alte Mann begann zu weinen. Er ging in seine Hütte undweinte drei Tage und drei Nächte lang.

Dann trat er wieder hinaus. Er holte tief Luft und spürte, wie das Le-ben in ihn zurückströmte. Er fühlte sich um Jahrzehnte jünger. Er sahauf den Boden und bemerkte einen kleinen Käfer, der auf den Rückengefallen war. Er bückte sich und drehte ihn behutsam um. Dann blick-te er hoch und nahm wahr, dass der Himmel leuchtend blau war.Da wusste er, dass ein langes, glückliches Leben vor ihm lag.

Quelle: https://hekaya.de/maerchen/der-schatz-am-rande-

des- regenbogens-- europa_235.html[ abgerufen März 2019)