REINHARD BLUMAUER
er nun auch für die Volkskunde. Entsprechend derdamaligen Praxis der physischen Anthropologie,vermutlich auch in Anlehnung an Fritsch, umfasstedies eine Vorder- und Profilansicht, einenhellen Hintergrund und ein>> unerlässlich[ es]<< ³2Bandmaẞ.>> Name, Familie, Stamm, Wohnort, Alter,Stand etc. des photographierten Individuums<< 33sollten ebenfalls vermerkt werden. Hinsichtlichder Trachten wünschte Haberlandt ebenfalls eineAufnahme von Vorder- und Rückansicht. Stelltman die Anleitungen von Fritsch und Haber-landt gegenüber, wird deutlich, dass Haberlandtdie Trennung zwischen physiognomischer undethnografischer Fotografie in gewisser Hinsichtauflöst und miteinander kombiniert. In einemArtikel fordert er» anthropologische Aufnahmenvon Typenbildern der ländlichen Bewohner<< 34und orientiert sich in seinen Anweisungen klaran den strengen Haltungen, welche Fritsch fürdie physiognomischen Aufnahmen vorgibt. Dasdem Aufsatz beigefügte Beispielbild jedoch,
eine Aufnahme Josef Szombathys von zwei>>[ r] umänische[ n] Bauernmädchen< 35, entsprichtkaum diesen Ansprüchen. Viel eher wäre das Bildzweier in Tracht gekleideter, in lockerer Pose undin einer leichten Schrägstellung zum Betrach-ter stehenden Mädchen den ethnografischenAufnahmen zuzuordnen. Bei den ethnografischenFotografien wird die Lokalisierung und Ethnifizie-rung der dargestellten Personen über die direkteVerknüpfung mit einem Text, der eine ethnischeZuschreibung beinhaltet, hergestellt. DieserAspekt machte ein Bild erst für die Volkskunde,unter Berücksichtigung der oben skizzierten the-oretischen Prämissen, nutzbar. Das Prinzip selbst,ein territoriales/ ethnografisches Typologisierenfindet sich jedoch nicht nur in der Darstellungvon Volkstypen Glossar ::: zum Glossareintrag Volkstypen, sondern zieht sich durch diegesamte Bildproduktion der frühen Volkskunde,wie etwa auch in der Hausforschung oder derDarstellung von Krügen, Zäunen oder Marterln.
1 Mein persönlicher Dank für die reichhaltigerfahrene Unterstützung gilt Herbert Just-nik( Österreichisches Museum für Volkskunde,Wien) und Michael Ponsting( PhotoinstitutBonartes, Wien).
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Für eine ausführliche Darlegung der frühenEthnologie in Wien vgl. Friedrich Koger,Anfänge der Ethnologie in Wien, Wien 2008;Karl Pusman, Die Wissenschaft vom Menschenauf Wiener Boden( 1870-1959), Wien 2008.Vgl. Michael Haberlandt, Die Photographie imDienste der Volkskunde, in: Zeitschrift fürÖsterreichische Volkskunde, 2. Jg.( 1896),H. 5/6, S. 183-186, hier S. 186.Michael Haberlandt, Textile Volkskunst ausÖsterreich. Aus den Sammlungen des K. K.Museums für Österreichische Volkskunde inWien, Wien 1912.
Michael Haberlandt( Hg.), Werke der Volks-kunst. Mit besonderer Berücksichtigung Ös-terreichs, 3 Bde., Wien 1914-1917.Vgl. Österreichisches Volkshochschularchiv,
http://www.vhs.at/vhsarchiv-home.html( Ab-ruf: 1. März 2014).
Michael Haberlandt verwendete in seinemArtikel» Zum Beginn!<< bereits die Metapher>> Knotenpunkt« für die Rolle der neu gegrün-deten Vereinszeitschrift. Vgl. MichaelHaberlandt, Zum Beginn!, in: Zeitschrift fürösterreichische Volkskunde, 1. Jg.( 1895),H. 1, S. 1-3, hier S. 1.
8 Vgl. Carl Blaha/ Johann Jungwirth/ Karl Kro-mer, Geschichte der Anthropologischen undder Prähistorischen Abteilung des Natur-historischen Museums in Wien, in: Annalendes Naturhistorischen Museums Wien, 69. Jg.( 1966), S. 451-461.
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Michael Haberlandt arbeitete auch unterGeorg Buschan für dessen» Völkerkunde<< von1923 nicht am Europa- Teil, sondern für dasKapitel zu Ostasien. Vgl. Georg Buschan( Hg.), Illustrierte Völkerkunde. In zweiBänden, 2, 1. Australien und Ozeanien, Asi-en, 2. u. 3., vollst. umgearb. u. wesentlichverm. Aufl. Stuttgart 1923.
10 Die Bezeichnung» Völkerkundler<< muss indiesem Zeitraum ebenfalls noch vorsichtigverwendet werden, da die Völkerkunde selbstnoch in den Kinderschuhen steckte und sicherst Jahrzehnte später als selbstständigeakademische Disziplin etablieren konnte.11 Vgl. Herbert Nikitsch, Auf der Bühne früherWissenschaft. Aus der Geschichte des Vereinsfür Volkskunde( 1894-1945), Wien 2006.
12 Richard Pittioni, Geschichte aus Stein undErz, Wien 1950, S. 79.
13 Haberlandt 1895( wie Anm. 7), S. 2( Hervor-hebung R. B.).
14 Ebd., S. 1.
15 Anonym, Maßnahmen zur Erhaltung heimischerVolkstrachten, in: Zeitschrift für öster-reichische Volkskunde, 19. Jg.( 1913), H. 3,
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