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Weihnachten - noch Fragen? : [Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 25. November 2012 bis 3. Februar 2013]
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16. Wie politischist Weihnachten?

Das Weihnachtsfest ist spätestens seit dem19. Jahrhundert- zumindest in urbanen Ge-bieten weitgehend säkularisiert und einFamilienfest, das mit starken Emotionenaufgeladen ist. Deutlich zeigte sich dies imDeutsch- Französischen Krieg 1870/71: Zumeinen wurde durch das Weihnachtsfest, dasin die Kriegszeit fiel, das Fehlen von Famili-enmitgliedern, die an der Front, im Lazarettoder gefangen waren, besonders schmerzhaftempfunden, zum anderen wurden die weih-nachtlichen Sentimentalitäten und Gefühlefür Kriegszwecke ausgenützt. Der weih-nachtliche Friede wurde besonders von deut-scher Seite an den Sieg über den Feind ge-knüpft und Patriotismus mit der Weihnachts-stimmung verwoben. Der deutsche Siegund die anschließende Reichsgründungließen Weihnachten als deutsches Fest parexcellence in Erinnerung bleiben und imErsten Weltkrieg wieder aktuell werden. InDeutschland und Österreich- Ungarn unter-stützten die Kirchen den gerechten" Kriegund trafen vor allem im ersten Kriegsjahrauf eine Welle der Kriegsbegeisterung unddes Nationalismus, der sich in der Weih-nachtszeit noch verstärkte. Später wurdenDurchhalteparolen ausgegeben und der Todauf dem Schlachtfeld zum notwendigenOpfer für das Vaterland stilisiert. Die Weih-nachtskartenhersteller nahmen dies auf, in-dem sie weihnachtliche Motive mit Front-soldaten, Schützengräben und Kriegsgerätverknüpften. Die Weihnachtsbäume wurdenentsprechend dekoriert und Kriegsspielzeugboomte.

Aber nicht nur dem Patriotismus und derKriegspropaganda konnte Weihnachten dien-lich sein, das Fest wurde auch zur Bühnefür politische Agitationen. Der Sozialismusnützte die Weihnachtszeit, um verstärkt aufdie Ungleichverteilung der Güter aufmerksamzu machen, wobei die radikaleren Vertreterund die Kommunisten weihnachtliche Pro-testaktionen durchführten und das Feierndes Festes überhaupt ablehnten. Im Autori-tarismus des Ständestaates, dessen we-sentliche Stütze der Katholizismus war,wurde die Pflege von Bräuchen ein wichtigerBestandteil der Österreich- Ideologie. Ein Ku-riosum dieser Zeit ist das Weihnachtsspieldes Christlich- deutschen Turnvereins 1936,in dem die Allegorie der Austria mit denStänden gemeinsam zur Krippe schreitet.

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Ein dezidiert politisches Fest war Weih-nachten jedoch in der religionsartigen Ideo-logie des Nationalsozialismus, der es indiversen Propagandamedien, aufbauend aufältere Hypothesen, immer mehr entchrist-lichte, wobei die Festelemente Baum,Lichter, Krippe, Lieder etc.- äußerlich mehroder weniger dieselben blieben, lediglichmit einschlägigen Motiven wie Runen oderHitler- Portraits statt Engeln oder der HeiligenFamilie versehen wurden. Weihnachten seiein ,, urdeutsches" Fest, das bereits die Ger-manen in gleicher Weise gefeiert hätten,um die Wintersonnenwende zu begehen,und das der Natur, dem Licht und der Mut-terschaft gewidmet gewesen wäre, wasspäter durch die christliche Geburtsgeschichtevon Jesus Christus überformt worden wäre.

Julkugeln

Glas, Lauscha, Deutschland, um 1940, LeihgabeSammlung Gigi Erler/ Foto: Christa KnottIm Nationalsozialismus wurden vertrauteweihnachtliche Festelemente mit germanischerIdeologie aufgeladen und vermeintlich ur- deutscheZeichen wie die Runen als Schmuck propagiert.

Anleitungen zur artgerechten Feier", alsozur ideologiekonformen Uminterpretierungdes Gewohnten, sollten bis in die Familienhinein wirken und den Nationalsozialismusverankern helfen. Im Großen und Ganzenkamen diese Umdeutungen bei der Bevöl-kerung nicht gut an, auch, weil in den Kriegs-jahren der Glaube an die Ideologie allgemeinzu schwinden begann und der Mangel undder Verlust von Familienmitgliedern drücken-der waren als die Weihnachtspropagandaglauben machen wollte. Allerdings haltensich bis heute Reste dieser germanischenUmdeutungen vor allem bei Bräuchen derAdvent- und Weihnachtszeit wie den Kram-pus- oder Perchtenumzügen.

Dass sich am Weihnachtsfest auch heutenoch Gesinnungen entzünden und dass dasinzwischen öffentlich gewordene Fest immernoch idealer Schauplatz für weltanschaulichePropaganda ist, zeigt die alljährliche Diskus-sion um Weihnachtsmann oder Christkind,das angeblich urösterreichisch" sei unddaher geschützt werden müsse, oder dieAngst vor dem Untergang des HI. Nikolaus,der durch den ausländischen Santa Clausherbeigeführt werde.kp

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