8. Wer hat Angst vordem Nikolaus?
Die Bräuche zum Nikolausfest am 6. Dezem-ber und an seinem Vorabend weisen eineVielfalt auf, die idealtypisch in vier Hauptkate-gorien eingeteilt werden kann: Lärmumzüge,Einlegebräuche, Einkehrbräuche und Niko-lausspiele. Letztere sind ein Produkt der Ge-genreformation, die in losen Szenenfolgenden Menschen in seiner Entscheidungssi-tuation zwischen Gut und Böse zeigen. Einigewerden auch in der Gegenwart aufgeführt,so in Bad Mitterndorf in der Steiermark.Überhaupt ist der gemeinsame Nenner allerNikolausbräuche die explizite Darstellung vonGut und Böse, was der lange Zeit im christli-chen Glauben dominanten streng dualisti-schen Weltsicht entspringt. Dem HI. Nikolauswerden Begleiter mit zumindest teilweisemenschlichen Zügen zur Seite gestellt wieder Krampus( oder Klaubauf, Bartl etc.) oderKnecht Ruprecht, aber auch ganz tierischewie Habergeiß, Strohschab oder Biggesel,die sich letztendlich alle auf den Teufel undseine Attribute als personifizierten Antipodenzu Gott zurückführen lassen.
Die Figur des Nikolaus fußt auf zwei,historisch nicht nachweisbaren Bischöfenin Kleinasien, die früh zu einer Person ver-schmolzen, deren Gebeine seit dem 6. Jahr-hundert in Myra verehrt, aber im 11. Jahr-hundert gestohlen und nach Bari gebrachtwurden, was den Nikolauskult in der West-kirche anfachte und zu etlichen Legenden-bildungen führte. Unter anderem hätte Niko-laus Schüler wieder zum Leben erweckt,nachdem sie ermordet und eingepökelt wor-den waren- eine Erzählung, deren Auftau-chen mit der Verlegung des Schülerbischof-
brauchs vom 28. auf den 6. Dezember ein-herging. Die Schüler hatten einen der ihrenim Sinne einer verkehrten Welt für einenTag zum Bischof gewählt und Umzüge ver-anstaltet. Von der Verknüpfung mit der Ni-kolausverehrung erhoffte sich die Kirchewohl eine Reglementierung, die aber nichteintrat. Vielmehr waren die Nikolausumzüge,die nicht mehr nur von Schülern veranstaltetwurden, von Unernst bis hin zu Exzessengeprägt. Aus der Fastnacht kam die zur Ver-deutlichung des Bösen in der Welt überauspopuläre Gestalt des Teufels dazu, in so in-flationärem Ausmaß, dass viele Umzügenur mehr aus Teufeln bestanden, wodurchsehr viele Darsteller teilnehmen konnten.Es kam immer wieder zu Verboten, und be-sonders Martin Luther und seine Nachfolgersprachen sich gegen diese Nikolausbräucheaus. Dies galt schließlich auch dem, seitdem ausgehenden Mittelalter geübtenBrauch, am Tag des Heiligen in seinem Na-men Kindern heimlich Geschenke- Äpfel,Nüsse, Gewand, Spielzeug etc.- in bereitgestellte Papierschiffe( Nikolaus ist derPatron der Schiffer), Schuhe oder Schüsselnzu legen, was auf eine Legende zurückzu-führen ist, der zufolge Nikolaus drei Mädchendurch Einlegen von Goldklumpen vor derProstitution bewahrt hätte. Der Einlegebrauchwurde in der Gegenreformation besondersgefördert und an das Wohlverhalten der Kin-der das ganze Jahr über, aber besonders imAdvent, geknüpft. Die unartigen Kinder er-warteten im Sinne einer schwarzen Pädagogikdrastische Strafen durch den dunklen Be-gleiter des Nikolaus, wobei drei Steigerungs-
Nikolausgarten
Holz, Moos, Papier, Watte und Wachs, Salzburg, 1917,ÖMV/ Foto: Paul Prader
Geschenke der mythischen Gestalt des HI. Nikolauswurden den Kindern in bereit gestellte Schuhe,Schüsseln, Schiffchen oder vor allem in Salzburgund Niederösterreich in Nikolaushäuschen oder-gärtlein gelegt.
stufen imaginiert wurden: Schlagen, Ver-schleppen und Auffressen. Ab der Mittedes 18. Jahrhunderts ist der Einkehrbrauchnachweisbar, bei dem der Nikolaus mit sei-nem bedrohlichen Diener, von verkleidetenPersonen dargestellt, tatsächlich in die Fa-milien kam und die Kinder examinierte, derenAngst nun real begründet war, zumindestwas die beiden ersten Strafstufen angeht.Heute ist aufgrund moderner Pädagogik dieGestalt des Nikolaus, oft vermischt mit demWeihnachtsmann, die allgemein dominantereFigur, die meist ohne Begleiter öffentlichoder in der Familie auftritt. Daneben gibt es- häufig seit einem Boom in den 1980erJahren Lärmbräuche mit Krampussen vorallem in Osttirol, Salzburg und der Steiermark,wo es mancherorts sehr brutal und aggressivzugeht. Somit haben diese Bräuche mit denUmzügen des 12. Jahrhunderts zumindestgemein, dass es für die Akteure um einAusbrechen aus dem Alltag und ein völligesEintauchen in eine Spielwirklichkeit geht. kp
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